Anleitung zur Revolution – eine Kampagnenidee

Aufstände, Rebellionen, Unabhängigkeitskriege. So lautet das Thema des Karnevals der Rollenspielblogs im November. Ich beschäftige mich in diesem Artikel daher damit, wie man eine Kampagne zum Thema Revolution entwirft. Und zwar settingunabhängig: egal also, ob du das Mittelreich in eine Demokratie verwandeln, die Herrschaft der Natives in der Sioux Nation beenden oder dich den Star Wars Rebellen anschließen willst: hier findest du die Anleitung dazu.

Die erhobene Faust als Symbol der Revolution
Der Aufstand von unten als Kampagnenidee (Foto: wallpaperfolder.com)

Was ist eine Revolution?

Heute ist ja schon jedes neue Steckerformat bei einem Mobiltelefon – oder das Weglassen eines solchen – eine technische Revolution. In diesem Artikel soll es aber um politische Revolution als Thema einer Rollenspielkampagne gehen. Wikipedia definiert den Begriff so:

Eine Revolution ist ein grundlegender und nachhaltiger struktureller Wandel eines oder mehrerer Systeme, der meist abrupt oder in relativ kurzer Zeit erfolgt.

Außerdem findet man hier die Unterscheidung zwischen der Revolution von unten, also aus dem Volk und der Palastrevolution, bei der das herrschende Regime vom eigenen Umfeld, jemand, der häufig im Palast anzutreffen ist, gestürzt wird. Zum Beispiel in Form eines Militärputsches. Hier soll es aber nur um Revolutionen von unten gehen.

Anatomie einer Revolution

Bevor wir zu den Kampagnenideen kommen, ist es Zeit für etwas Recherche. Wie sieht so eine Revolution eigentlich aus?

Gründe für die Revolution

Ein voller Bauch macht keine Revolution, heißt es und tatsächlich ist Hunger ein häufiger Grund für Revolutionen, zum Beispiel bei der Französischen und der Russischen Revolution. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist Hunger in vielen Teilen der Welt aber kein Massenphänomen mehr. Stattdessen ist das Streben nach Freiheit zum zentralen Motiv für Revolutionen geworden. Reisefreiheit, Freies Wahlrecht, Meinungsfreiheit und der Kampf gegen Überwachung und Unterdrückung.

Außerhalb von Europa, in den von den Kolonialmächten oft willkürlich geschaffenen Staaten ist oft noch die nationale Selbstbestimmung ein Motiv. Aus historischen Gründen ist eine Bevölkerungsgruppe an der Macht, oft noch von den Kolonialmächten eingesetzt. Die Mehrheit der Bevölkerung wird aber vom Mitbestimmungsprozess ausgeschlosssen. Oder eine Minderheit beschließt, dass sie es losgelöst aus dem gemeinsamen Staatsgebilde alleine versuchen möchte.

Und natürlich gibt es auch den wenig edlen Grund der Machtgier. Man will es ja gar nicht besser machen, als der Amtsinhaber, man will nur dessen Position übernehmen. Solche Revolten finden nur selten große Unterstützung in der Bevölkerung und werden daher viel häufiger mit Waffengewalt durchgeführt, als andere Revolutionen.

Wer revoltiert?

Studenten

Viele Revolutionen entstanden an den Universitäten. Im 19. Jahrhundert waren es vor allem liberale Burschenschaften, heute sind es eher linke Studenten. Die Gründe dafür: Studenten haben oft mehr Zeit dafür. Es hilft beim Planen einer Revolution, wenn man nicht 10 Stunden an einer Maschine steht und dann völlig erschöpft nach Hause geht. Außerdem haben Studenten öfter Kontakt zu aufklärerischen Ideen der großen Philosophen wie Voltaire. Und Universitäten lehren den Gedankenaustausch.

Arbeiter

Die unmenschlichen Arbeitsbedingungen der Arbeiter in den Fabriken oder Minen waren in der Vergangenheit ebenfalls ein häufiger Grund für Revolutionen. Heute ist es das Gefühl, nicht mehr mitzukommen. Die Angst, den Arbeitsplatz an einen Ausländer oder einen Roboter zu verlieren und das Gefühl, die da oben machen sich auf Kosten des einfachen Volks ein schönes Leben haben auch heute noch das Potenzial für Revolutionen. Und genau genommen sind Trump, Brexit und FPÖ/AfD auch eine Revolution, nur eben mit demokratischen Methoden.

Unterdrückte

Hier sind größere Personengruppen gemeint, denen die Teilnahme am Gestaltungsprozess verwehrt oder nur eingeschränkt gewährt wird. Zum Beispiel Frauen vor der Einführung des Frauenwahlrechts oder ethnische bzw. religiöse Minderheiten.

Entmachtete

Personen, die schon einmal an der Macht waren und gewaltsam aus ihrer Position entfernt wurden, zum Beispiel durch eine vorangehende Revolution können versuchen, wieder an die Spitze zu kommen. Sie haben oft den Vorteil, das System von innen zu kennen und können beim Volk ihre politische Erfahrung als Bonus geltend machen.

Soldaten

Soldaten spielen bei jeder Revolution eine wichtige Rolle. Ist eine Revolution einigermaßen erfolgreich, steht der Machthaber irgendwann einmal vor der Entscheidung, die Armee gegen die Aufständischen einzusetzen. Nicht selten verweigern aber die Soldaten den Befehl, auf die eigenen Landsleute zu schießen. Das Militär hat im Revolutionsfall drei Möglichkeiten: sich der Revolution anzuschließen, sie zu bekämpfen oder sich passiv zu verhalten (und damit oft die Revolution zu ermöglichen). Unterschiedliche Teile der Armee können dabei unterschiedliche Entscheidungen treffen. Während der russischen Februarrevolution hat die Armee in einigen Städten auf die Demonstranten geschossen, in anderen hat sie sich den Aufständischen angeschlossen und in anderen Regionen widerstandslos entwaffnen lassen.

Im Falle eines Putsches ist das Militär sogar die treibende Kraft der Revolution, wie es erst unlängst in der Türkei geschehen ist.

Voraussetzungen für eine erfolgreiche Revolution

Was bedarf es eigentlich, damit eine Revolution erfolgreich ist?

Kritische Masse

Tausend Demonstranten kann man ins Gefängnis sperren, bei hundert tausend gelangt man schnell an Kapazitätsgrenzen. Greift das Regime zu drastischeren Methoden und eliminiert die Aufständischen, dann sind das Ärztinnen, Müllmänner und Bäcker, die man am nächsten Tag schmerzlich vermisst. Und jeder Akt von Terror birgt die Gefahr, der Revolution neue Unterstützer in die Arme zu treiben. Die Revolution muss daher so viele Menschen dazu bringen, sich ihr öffentlich anzuschließen, dass das System nicht mehr gegen jeden einzelnen vorgehen kann, ohne das funktionieren des Systems zu gefährden.

Auslöser

Unzufrieden ist bald einmal jemand. damit man auf die Straße geht, dazu benötigt es oft einen Auslöser: eine manipulierte Wahl, ein brutales Durchgreifen der Sicherheitskräfte, ein ungeliebtes Gesetz oder die Hinrichtung einer berühmten Person. Irgendetwas, das den einfachen Bürger aufstehen lässt und zu sagen: Bis hier her, und nicht weiter!

Keine Demokratie

Niemand lässt sich gerne mit Gummigeschoßen oder Wasserwerfern attackieren. Oder von Polizisten verprügeln. Solange die Menschen die Möglichkeit haben, alle paar Jahre ihr Kreuz bei einer Oppositionspartei zu machen und im Wirtshaus über die Regierung zu schimpfen, werden die meisten nicht bereit sein, diese schmerzhaften Erfahrungen zu machen. In gefestigten Demokratien mit Meinungsfreiheit und freien Wahlen kommt es daher nur sehr selten zur Revolution von unten. Palastrevolutionen sind da schon eher eine Gefahr.

Massenkommunikation

Es ist kein Zufall, dass die Revolutionen vor der Erfindung des Buchdrucks fast immer Palastrevolutionen waren. Zum Beispiel der Bruder, der anstelle seines Bruders König werden möchte. Oder das Militär, das die Macht übernimmt. Um eine Revolution auf eine kritische Masse zu bringen, benötige ich eben ein Medium, mit dem ich eine Vielzahl an potenziellen Unterstützern erreichen kann. Bis heute sind Flugzettel dafür sehr beliebt. Aber auch modernere Kommunikationskanäle werden dafür gerne benutzt. Beim Bürgerkrieg in Ruanda spielte das Radio eine ganz wichtige Rolle, während des Arabischen Frühlings war es twitter.

Dieser Punkt ist natürlich in einem Fantasy-Setting nicht so leicht umzusetzen, aber man kann sich da schon helfen. Hier kann der Gruppen-Socializer glänzen und mit Schmähgedichten und Gerüchten die, sich verselbstständigen für die nötige Propaganda sorgen. Hashtag: #Singing4change!

Stakeholder einer Revolution

Neben den Revolutionären und dem Regime gibt es oft noch andere Gruppen, die sich auf die eine oder andere Seite schlagen. Bleibt eine Gruppe passiv, so kann sie von beiden Seiten umworben werden. Eine solcher Gruppen ist die Kirche: hat sie sich mit den Machthabern arrangiert und predigt Gehorsam oder ist sie selber in Bedrängnis und unterstützt die Aufständischen. Eine freie Presse oder ein sympathisierender Journalist sind wertvolle Verbündete jeder Revolution. Meist hat das bekämpfte Regime aber die Medien fest im Griff und nutzt sie selbst zur Stimmungsmache.

Andere Stakeholder sind das Kapital und das Militär. Näher eingehen möchte ich aber noch auf das Ausland. Selten ist es den Nachbarstaaten egal, wer hierzulande auf dem Thron sitzt. Sie verfolgen dabei eigene Interessen: im Fall der Russischen Revolution hat das Deutsche Reich ganz massiv eingegriffen, indem sie Vladimir Lenin die Rückkehr aus dem Exil ermöglicht hat und die Revolution vermutlich mit einer größeren Summe Geld unterstützt hat. Schließlich hat Lenin versprochen, dass Russland aus dem Krieg austreten würde, sollte er an die Macht kommen. Die Revolutionen der frühen 2000er Jahre in Serbien, Georgien und der Ukraine wurden großzügig von den USA unterstützt, die Opposition in Aserbaidjan, mit dessen Regierung man lukrative Ölverträge abgeschlossen hatte, wurde alleine gelassen.

Methoden der Revolution

  • Revolutionen können friedlich aber auch gewaltsam ablaufen. In letzteren Fällen kommt es oft zu einem schrittweisen Ansteigen des Gewaltlevels. Am Bekanntesten sind die Demonstrationen und Kundgebungen, die man regelmäßig im Fernsehen sieht. Eine Demonstration an sich verursacht dem Regime keinen Schaden, aber die Öffentlichkeitswirkung ist es, die zählt. Unzufriedenen wird gezeigt, dass sie nicht alleine sind, und dass es schon jemand gibt, der seinen Ärger öffentlich kund tut. Auch für die Wahrnehmung im Ausland sind Demonstrationen wichtig.
  • Weniger präsent sind Streiks, doch wenn genug mitmachen und an den richtigen Stellen gestreikt wird, wird das funktionieren des Systems massiv gestört. Wenn zum Beispiel Frächter und Eisenbahner die Arbeit nieder legen, kann es in Städten schon zu Versorgungsengpässen kommen.
  • Ziviler Ungehorsam ist eine Form des Widerstands, bei dem bewusst Gesetze gebrochen werden, um damit gegen die Gesetzgebung ein Zeichen zu setzen. Die Handelnden berufen sich dabei auf ein moralisches Recht, dem das geltende Gesetz widerspricht. In Revolutionen begehen oft sehr viele Menschen kleinere Vergehen, zum Beispiel das Verweigern von Parkgebühren. Der Machtapparat ist nun in der Zwickmühle: geht er gegen den Ungehorsam vor, dann muss er zugeben, dass es diesen Ungehorsam gibt, oder ignoriert er ihn und ermutigt die Aufständischen damit, einen Schritt weiter zu gehen.
  • Einen gewaltigen Schritt weiter in der Gewaltspirale ist die Sabotage. Dabei wird versucht das System am Funktionieren zu stören. Nicht wie bei Streiks durch massenhafte Arbeitsverweigerung, sondern ganz gezielt durch das Zerstören von Infrastruktur. Auch das Ausschalten von Amtsträgern wie Polizeichefs, Minister oder Geheimdienstmitarbeitern fällt unter Sabotage.
  • Ist das Ziel von Attentaten oder Sabotageakten weniger die Zerstörung der Infrastruktur sondern die kommunikative Wirkung, fällt dies unter Terrorismus. Einen einfachen Polizisten mit einem Bombenattentat zu töten hat keinen strategischen Zweck. Dieser eine Polizist wird nicht über Erfolg oder Misserfolg der Revolution entscheiden. Stattdessen geht es darum, zu zeigen, dass es Widerstand gibt, dass das System nicht unbesiegbar ist.
  • Und schließlich gibt es noch den bewaffneten Aufstand als letztes Mittel. Aus der Revolution wird damit eine Rebellion.

Das Imperium schlägt zurück

Mit diesen Methoden wird das Regime versuchen, die aufkeimende Revolution niederzuschlagen:

Überwachung und Polizeistaat

Viele Tätigkeiten, die das  Planen und Ausführen einer Revolution erleichtern, werden verboten oder eingeschränkt, z.B. kann eine oppositionelle Zeitung geschlossen oder zensiert werden. Um dies durchzusetzen, müssen die Methoden der Polizei verbessert und deren Rechte ausgeweitet werden. Die Geheimpolizei wird aufgestockt und durchdingt alle Lebensbereiche. Sie wird versuchen, die Revolutionsbewegung zu unterwandern.

Zugeständnisse machen

Revolutionen haben oft ein Momentum, das sie für die Machthaber gefährlich macht. Gelingt es, dieses Momentum verpuffen zu lassen, ist es fraglich, ob die Revolution zu einem späteren Zeitpunkt wieder dieses Momentum erreichen wird. So kann die Regierung einer von drei Forderungen einer Revolutionsbewegung nachkommen und darauf hoffen, dass sich damit der Druck entlädt und die beiden anderen Forderungen nicht mehr umgesetzt werden müssen. Oder sie spielt auf Zeit: die Zugeständnisse werden versprochen, aber erst zu einem späteren Zeitpunkt umgesetzt. Bis dahin ist das Momentum vielleicht weg und man muss das Versprechen nicht mehr einlösen.

Das Opferlamm

Ebenfalls ein Zugeständnis: eine Person, die den besonderen Zorn der Revolutionäre hervorruft, wird ausgetauscht. Der Polizeipräsident, ein Minister, ein oder Provinzherrscher. Sogar das Staatsoberhaupt kann es treffen, wenn die Herrschaft nicht auf dessen Person basiert, sondern von einer Organisation ausgeht. So versuchte die SED das System DDR zu retten, indem Honecker zurück trat. Der neue kann dann weitermachen wie bisher, nur mit besserer PR oder man baut wiederum darauf, dass das Momentum einschläft.

Macht zentralisieren

Muss das Regime fürchten, dass auch die eigenen Leute die Ideen der Revolution unterstützen, kann es die Macht im engeren Kreis zusammenziehen. Das Parlament, in dem ohnehin die eigene Partei die Mehrheit hat, wird geschwächt, die Statthalter in den Provinzen werden enger an die Leine genommen, lokale Milizen einer Zentralarmee unterstellt. Amtsträger, über deren Loyalität man nicht 100% sicher ist, werden durch getreue Gefolgsleute ersetzt.

Propaganda

Nicht nur die Revolution versucht die Meinung des Volkes zu beeinflussen. Auch das Regime wird versuchen zu kommunizieren, dass die Aufständischen Verräter sind, dass es nur wenige sind, dass es die Lage im Griff hat. Sie wird eigene Gräueltaten oder Verfehlungen leugnen und die der Revolution hochspielen oder erfinden.

Gewalt

Und schließlich kann das Regime auch mit Gewalt antworten. Damit sind keine Polizisten, die auf Kundgebungsteilnehmer einprügeln gemeint. Das kommt in den besten Demokratien vor. Es geht um massives und bewaffnetes Vorgehen gegen die Aufständischen. Das sollte allerdings der letzte Ausweg sein, denn wenn die offene Auseinandersetzung einmal begonnen hat, gibt es meist kein Zurück mehr. Das gilt auch in einer Rollenspielkampagne: die Prämisse, eine militärische Auseinandersetzung zu vermeiden nimmt den Spielern die „leichteste Option“ und zwingt sie zu einer kreativeren Herangehensweise.

Die Revolution als Kampagnensetting

Welche Gedanken soll sich nun also ein Spielleiter machen, der die Revolution als Thema seiner Kampagne auserkoren hat?

Ausgangslage

Zuerst einmal muss der Status Quo fest gelegt werden. Wo und in welchem Zeitraum wird gespielt? in einem answinistischen Aventurien? Im Deutschland während der Naziherrschaft? In den USA der nahen Zukunft, kurz nach der Invasion durch Nordkorea? Wer ist das Regime, gegen das gekämpft wird und warum soll es gestürzt werden?

Welche Gesetze gelten, die vom normalen Setting abweichen? Gibt es ein Waffentrageverbot? Wird das Internet stark eingeschränkt? Dürfen Elfen in das Land nur noch mit Spezialgenehmigung einreisen und sind selbst dann unter ständiger Beobachtung durch die Geheimpolizei?

Wer ist der Kern der Revolution?

Ist es eine Koalition aus liberalen Studenten und kommunistischen Gewerkschaftern? Sind es hauptsächlich Elfen und Zwerge? Oder die ehemaligen Machthaber? Spannender wird es, wenn den Kern unterschiedliche Gruppen bilden, die sonst vielleicht gar nicht so toll miteinander auskommen und nun ein Zweckbündnis gebildet haben. Das sorgt für viel innere Spannungen und damit tolle Stories.

Die Ziele

Welches Ziel verfolgt die Revolution? Ist es der Sturz der aktuellen Machthaber oder begnügt man sich mit einer Verbesserung der Zuständen? Besteht die Revolution aus unterschiedlichen Gruppen, können die einzelnen Gruppen auch unterschiedliche Ziele haben. Zum Beispiel die russische Februarrevolution: hier kämpften Bürgerliche, liberale Adelige und gemäßigte und radikale Kommunisten Seite an Seite. Nach erfolgreicher Revolution machten sich die unterschiedlichen Ideologien bemerkbar. In der darauf folgenden Oktoberrevolution wurden die Bürgerlichen und Liberalen entmachtet, kurz darauf kam es zum Bürgerkrieg zwischen den gemäßigten und den radikalen Sowjets.

Dabei hatten Bolschwiki (die Radikalen) und die Menschewiki (die Gemäßigten) relativ ähnliche Ziele, nur über den Weg dorthin war man sich uneinig. Und darüber, ob das Volk oder die Partei das Souverän des neuen Russlands sein soll.

Ressourcen

Über welche Ressourcen verfügt die Revolutionsbewegung zu Beginn der Kampagne? Darunter fallen nicht nur Geldmittel, sondern auch Informanten, Prominente und die Unterstützung in unterschiedlichen Teilen der Bevölkerung. Gibt es Unterstützung aus dem Ausland? Auch die Anzahl an Waffen und Soldaten kann eine wichtige Ressource sein. Das Verteidigen und Ausweiten der Ressourcen wird zentraler Bestandteil der Kampagne sein.

Die Rolle der Spieler

Haben die Spieler führende Positionen innerhalb der Bewegung oder sind sie die in der Hierarchie niedrig angesiedelten Arbeitstiere? Oder agieren sie eher unabhängig als eigene Zelle? Beginnen die Spieler weit unten, kann der Aufstieg innerhalb der Hierarchie als zusätzliche Motivation dienen. Sind die weiter oben, können sie mehr strategische Entscheidungen treffen. Als unabhängig agierende Zelle erleben sie die Interna der Revolution nicht so nah mit und sind nicht in den Entscheidungsprozess eingebunden, können aber frei agieren. Ohne ständig Befehle von Vorgesetzten zu bekommen. Jede Rolle hat ihre eigenen Vor- und Nachteile und ihr eigenes Storypotenzial. Und die Vorlieben der Spieler sollte man natürlich auch berücksichtigen.

NSCs

In einer gut organisierten Revolutionsbewegung gibt es natürlich neben den Spielercharakteren auch einige NSCs. Ein paar Ideen, welche das sein könnten:

Die heterogene Führungsebene

Jede Organsiation braucht ihren Anführer. Oder besser Ihre Anführer. Das größte Story-Potenzial hat eine Führungsriege mit unterschiedlichen Charakteren: der Gemäßigte und die Radikale, die Vorsichtige und der Risikobereite. Der charismatische Redner und der intellektuelle, aber leider unsympathische Kopf der Bewegung. Das tolle an einer heterogenen Führungsriege ist, dass sie so viel Plothooks bietet: Richtungsstreit, Machtkämpfe, Intrigen. Die Möglichkeit die Anführer auch gegeneinander auszuspielen, um die eigene Agenda voranzutreiben.

Gibt es eine klare Nummer 1, bietet sich auch jemand an, der selber gerne die Nummer 1 wäre. Und die Mitglieder der Führungsriege können aus unterschiedlichen Gruppen kommen, wenn die Revolutionsbewegung eine bunte Koalition ist.

Der gute Böse

Der gute Böse ist jemand von der Gegenseite. Ein Provinzherrscher, ein Offizier, ein Redakteur des Regierungssender. Aber einer, mit dem man reden kann. Einer, dem das Wohl des Landes am Herzen liegt. Seine wichtigste Funktion in der Kampagne ist zu zeigen, dass die Gegenseite auch Menschen sind. Dass auch Sturmtruppler weinen oder lachen, wenn sie den Helm abnehmen. Und er kann die Charaktere aus einer brenzligen Situation retten, oder sie mit einer Information versorgen. Aber alles in allem: er ist von der Gegenseite, nur halt ein netter oder wenigstens ein sympathischer Gegner. So wie vielleicht Christoph Waltz als SS Offizier Hans Landa in Inglourious Basterds.

Der böse Gute

Das Gegenstück zum guten Bösen. Der böse Gute ist das unsympathische Mitglied der Revolution. Der seine Kinder schlägt, oder andere Organisationsmitglieder niederschreit. Aber auf jeden Fall ist er absolut loyal. Seine Rolle in der Story ist es, ein Feindbild aufzubauen, ohne eines zu sein. Wenn der Verdacht aufkommt, dass es einen Verräter gibt, wird man zuerst auf ihn tippen. Er ist der Arbeitskollege, der seinen Job verdammt gut macht, den man aber absolut nicht leiden kann. Bei dem es so richtig schwer fällt, sich zu bedanken, wenn er einem geholfen hat.

Der Verräter

Und wenn wir ihn schon erwähnt haben: natürlich gibt es einen Verräter. Wer es ist? Da gibt es mehrere Möglichkeiten. Man kann das schon zu Beginn der Kampagne festlegen, und regelmäßig Hinweise für seinen Verrat streuen. Zum Beispiel ist er immer besonders neugierig. Oder er nimmt Akten mit nach Hause um die noch vor dem Fernseher, während des Fußballspiels zu bearbeiten. Oder er erwöhnt mal seine Geldprobleme oder die Krebserkrankung seiner Tochter. Denn ja, ein Verräter, der zum Verräter wird, weil er einfach eine Arschwarze ist, ist langweilig. Ein Verräter, der seine Ideale und Freunde verratet, weil ihm die Regierung eine Behandlung seiner Tochter in einer schweizer Spezialklinik in Aussicht stellt ist Drama!

Alternativ kann man es noch offen lassen, wer der Verräter ist, und man entscheidet sich dann während der Kampagne. Entweder für einen NSC, den die Spieler schon ein bisschen lieb gewonnen haben, oder noch besser: jemand der zum Verräter wegen einer Aktion der Spieler wird. Die Spieler sind unvorsichtig und führen die Geheimpolizei zur Identität eines Mitstreiters? Sie machen ihm ein Angebot! Oder sie booten ihn im Kampf um einen einflussreichen Posten aus. Und aus Verbitterung wechselt er die Seiten.

Auf keinen Fall aber: der Typ, der noch nie vorkam, der dem Team als „Verstärkung“ mitgegeben wird und dann die Spieler auffliegen lässt.

Der Unsichere Informant

Klar, man kriegt tolle Infos von dem Typen, aber gegen Einwurf kleiner Münzen erzählt er jedem anderen auch gerne, dass jemand nach dem Wachplan im Munitionslager gefragt hat. Bei großen Münzen sogar wer. Die Spieler sollten immer gut abwägen ob und in welchen Situationen sie ihn kontaktieren.

Oder der Informant ist anonym. Keiner weiß wer er ist, und was seine Motivation ist. Aber bis jetzt haben sich alle Informationen als richtig und wertvoll herausgestellt. Bis auf das eine Mal, als Einsatzteam Charlie nicht mehr zurück gekehrt ist…

Der Quartermaster

Man kann alles von ihm bekommen: magisches Schlafelixier, Raketenwerfer oder als Zigaretten getarntes C4. Dummerweise ist er eine ziemliche Diva und genießt Narrenfreiheit in der Organisation. Jeder Revolutionär schuldet ihm mindestens 3 Gefallen und als Gegenleistung fordert er Dates, illegale Porno-DVDs oder dass man auf seiner Superbowl-Party den Kellner für ihn und seine Kumpels macht.

Der Consultant aus dem Ausland

Ein Brief und 100.000 Silbertaler sind auf dem Weg. Oder eine Amnesty International-Delegation. Aber allen ist klar: er vertritt die Interessen seiner eigenen Regierung. Bei einer Änderung der Ziele oder einem Kompromiss mit dem Regime könnte er im Weg stehen oder plötzlich die Seiten wechseln.

Plotideen

Hier eine Liste an Ideen, was die Charaktere als Revolutionäre so alles machen könnten:

  • Informationsbeschaffung: Eine Botschaft zwischen zwei Regime-Mitgliedern abfangen, Unterlagen aus einem Arbeitszimmer stehlen, den Chef der Geheimpolizei identifizieren, eine Wohnung verwanzen, ein Treffen belauschen.
  • Sabotage: von Kommunikationseinrichtungen (vom Brieftaubenkogel bis zum Internetanschluss), Vorrats- und Munitionslager, Verkehrswege, Regierungsgebäude, Attentat auf den Polizeichef
  • Propaganda: Webserver hacken, Gerüchte verbreiten, Schmähgedichte verfassen, Flugblätter schmuggeln und verteilen, Graffitis anbringen, Beweise von Folterungen besorgen
  • Gegenspionage: Agenten des Regimes in die Irre führen, abhängen, entlarven, unschädlich machen.
  • Rettungsmissionen: Gefangene Mitstreiter befreien, Vergeltungsmaßnahmen vereiteln, Beweise verschwinden lassen, dafür Sorgen, dass ein Gefangener keine Aussage macht, jemanden rechtzeitig vor einer Falle warnen
  • Unterstützer rekrutieren: durch Überzeugen, Erpressung, im Austausch gegen Hilfe. Wen? Nachbarländer, Industrielle, Adelige, Prominente
  • False Flag Operations: Im Namen des Regimes Gräueltaten begehen oder nachstellen, Falsches Bildmaterial anfertigen, Gefälschte Beweise unterjubeln
  • Ausrüstung besorgen: Waffen, Elektronik, Magische Gegenstände, Druckerpresse; von ausländischen Regierungen, zwielichtigen Mafioso nachts auf einem Parkplatz, Einbrechen & Stehlen
  • Schmuggel: Von Gegenständen oder Personen (Exilanten ins Land, Deserteure aus dem Land)
  • Robin Hood spielen: Den Steuereintreiber überfallen, Gefängnisse öffnen, Lebensmittel verteilen

Konflikte

Wenn man an die Story mehr Anspruch hat als wir sind die Guten und die anderen sind alle Böse, dann bietet das Revolutions-Setting eine Vielzahl an dramatischen Konfliktpotenzialen.

Interne Konflikte

Beim Ausarbeiten der Revolutionsbewegung haben wir hoffentlich bereits den Grundstein dafür gelegt: für all die Intrigen, Machtspiele und Richtungskämpfe innerhalb der Organisation. Egal ob man nun darauf Einfluss nehmen möchte, wer nach gelungener Revolution den Thron besteigt oder durchsetzen möchte, dass keine Unbeteiligten Personen mehr als Kollateralschaden in Kauf genommen werden. Man muss Verbündete suchen und gewinnen, Gegner überzeugen und manchmal einen Pakt mit dem Teufel schließen. Vielleicht haben die Spielercharaktere ja auch selbst Ambitionen auf den Platz an der Spitze.

Oder man ist gar nicht selber Spieler sondern nur Spielfigur. Den Charakteren ist es egal, wer der nächste Präsident wird, aber ein ranghohes Mitglied der Revolution beauftragt sie nun damit, die Schmutzwäsche und die Leichen eines Anwärters aus dem Keller zu besorgen.

Persönliche Konflikte

Ich gehe mal davon aus, dass das bekämpfte Regime nicht ganz sauber spielt. Bespitzelung, Folter, Attentate oder False Flag Operations gehören zu seinem Repertoire. Um da mitzuhalten kann die Revolution gezwungen sein, ebenfalls unsauber zu agieren. Wie geht es dem Charakter damit, wenn solche Maßnahmen beschlossen werden? Wie reagiert er, wenn ein Pakt mit dem Teufel geschlossen wird? So könnte er den Auftrag bekommen, jenen desertierten Offizier aus dem Gefängnis zu befreien, der zwar wertvolle Informationen hat, aber auch für das Massaker an der Familie des Charakters verantwortlich ist.

Seine Verbündeten kann man sich nicht immer aussuchen. Und vielleicht verabscheut man manche davon mehr als das Regime selbst. Der Maidan-Bewegung in der Ukraine wird regelmäßig vorgeworfen, sich mit der rechtsextremen Svoboda-Partei eingelassen zu haben um Präsident Janukowitsch zu stürzen.

Nicht das gesamte Umfeld des Charakters wird sich der Revolution anschließen. So könnte zum Beispiel der Bruder eines Charakters in der Armee dienen. Und genau der bewacht den Munitionstransport, den die Spielergruppe mit einer Bombe sabotieren will.

 Werkzeuge der Revolution

Organigramme

Sowohl für die Revolutionsbewegung als auch die Regierung bietet es sich an, ein Organigramm über die Führungsstruktur zu erstellen und ausgedruckt am Spieltisch zu haben. So wissen immer alle, an wen sie sich wenden müssen oder welcher NSC welche Position und welchen Einfluss hat.

Agenda

Die Agenda beinhaltet die Ziele der Revolution sowie einen Verhaltenskodex und wird ebenfalls ausgedruckt am Spieltisch platziert. Die Ziele sind dabei nur sehr grob formuliert. Ob das neue Parlament 141 oder 154 Sitze bekommen soll, ist ein Detail, aber Dinge, die den Spielern wichtig sein könnten, gehören hier hin. Z.B. die Position der Bewegung zur Todesstrafe. Der Verhaltenskodex gibt vor, was für die Bewegung akzeptabel ist und was nicht: Sind Attentate ein zulässiges Mittel? Dürfen gefangene Mitglieder des Regimes gefoltert werden? Wie ist das, wenn man bloß den Verdacht hat, dass jemand ein Spion der Regierung ist?

Es ist wichtig anzumerken, dass der Verhaltenskodex für die Charaktere gilt, nicht die Spieler. Die Charaktere dürfen sich widersetzen, und wenn sie dabei beobachtet werden, müssen sie sich dafür rechtfertigen oder die Konsequenzen tragen. Etwa einen Ausschluss aus der Bewegung.

Sowohl Ziele als auch Verhaltenskodex sind dabei nicht in Stein gemeißelt. Im Gegenteil: dass sie am Tisch aufliegen soll dazu motivieren, Änderungen daran anzustreben. Denn das bedeutet nur neuen Plot: schließlich müssen ausreichend Mitglieder der Führungsriege für die gewünschte Änderung gewonnen werden.

Tracker

Mit Hilfe von Trackern wird die Unterstützung, die Regierung und Revolution bei unterschiedlichen Gruppen genießen dargestellt. Zum Beispiel muss am Tracker für die Unterstützung der Revolution bei Volk eine bestimmte Position erreicht werden, um die kritische Masse zu erreichen. Oder man versucht eine höhere Position bei der Kirche zu bekommen, als die Regierung. Gerade in Sandbox Kampagnen, bei denen die Spieler sehr frei entscheiden, was sie unternehmen sind diese grafischen Hilfen ein tolles Hilfsmittel um den Status Quo anzuzeigen und Hinwiese zu liefern, wo man am besten aktiv wird.

Auch die militärische Stärke kann für beide Seiten dargestellt werden. Anhand der Positionen beider Seiten auf der Skala, können die Spieler abschätzen, wie riskant ein bewaffneter Aufstand aktuell wäre.

 

Abschließend noch ein Link zum Thema: Sehr interessante Dokumentation über die samtenen Revolutionen in Serbien, Georgien und der Ukraine zwischen 2000 und 2004: https://www.youtube.com/watch?v=eyQxCCHiIjU

3 thoughts on “Anleitung zur Revolution – eine Kampagnenidee

  1. Hi,

    das ist ein super Artikel, hat sehr gut gefallen. Sowas wie eine große Abhakliste, wenn man selbst ein Revulotionssetting plant, mit einer Menge Inspiration und Tipps zur Ausgestaltung.

    Grüße
    John Doe

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