Darf man Orks töten?

Vermutlich ausgelöst durch das #BlackLifesMatter hat Wizards of the Coast angekündigt, die Darstellung von Orks und Drow zu überarbeiten. Sie sollen nicht mehr die absolut bösen Gegner sein, die man ohne Gewissensbisse tötet. Ich verwende schon lange keine Gesinnungen mehr, keine böse Rasse. Und das hat nicht nur mit Rassismus zu tun.

Warum ich keine Schnetzelorks mag

1. Mord ist ein Verbrechen. Ein ziemlich schlimmes sogar.

Diverse -ismen sind im Spiel mittlerweile verpönt. Wer die Schankmagd machomäßig anquatscht kriegt einen Rüffel, das N-Wort in einem Südstaaten-Bürgerkriegs-Setting? Geht gar nicht. Aber mit Mord, diesem einen Verbrechen, das nie und nimmer wieder gut gemacht werden kann, hat anscheinend niemand ein Problem. Wir nehmen oft für uns in Anspruch, die Guten zu spielen, um dann Genozid an nicht-menschlichen Völkern und Selbstjustiz zu üben. Provokant formuliert: unsere Gewaltphantasien sind OK, solange wir dabei das generische Femininum oder das Binnen-I benutzen.
Traurigerweise findet man auch in neueren Artikeln und vor allem Youtubevideos folgenden Tipp, wie man sein Rollenspiel verbessern kann: Beschreibe deine Angriffe möglicht detailliert. Sorry, aber das ist kein Rollenspiel, das ist Snuff-Porn. Wenn schon detaillierte Beschreibungen, dann vom Tod, nicht vom Töten. Beschreibe, wie sich die Körperöffnungen des Sterbenden öffnen und entleeren (viel Spaß beim Looten der Leiche), wie der Sterbende um einen Schluck Wasser bettelt, sich nach ihrem Liebsten sehnt oder darum bittet, diesem letzte Worte zu übermitteln (du musst nun für unsere Kinder sorgen!)

2. Styropor statt Inhalt

Was macht der SL, wenn er keinen Plot vorbereitet hat? Lassen wir die Spieler mal ein paar von den Bösen verkloppen. Das ist einfach nur billig. Zumindest meinem Anspruch von Rollenspiel genügt das nicht. Ich will keine Murder Hobos mehr wie zu meiner Schulzeit spielen. Ich will die Probleme, die mir die Spielleitung entgegen wirft, kreativer lösen als mit tödlicher Gewalt. Und ich erwarte mir von der Spielleitung auch kreativere Herausforderungen als eine Horde angriffslustiger Orks, Räuber oder Sturmtruppen. Für gedankenloses Kloppen gibts Heroquest oder Zombicide.
Es ist halt leichter, ein paar Kampfstats zusammenzuschreiben, als sich eine geile Story auszudenken. Ganz besonders für Abenteuerautoren, die die Spieler und die Charaktere, für die sie schreiben, nicht kennen. Das klassische Problem viele Kaufabenteuer. Mit ausreichend Kampfszenen kann man jede noch so dünne story auf mehrere Spielabende ausdehnen und den Spielern vorgaukeln, sie bekämen was für ihr Geld.
Mir fehlt da halt das Kreative daran, ich will bessere Stories als Töte 12 Orks und ihr bekommt 13 Golddukaten dafür. Gut, meist ist dieser Plot dann in Pen and Paper Spielen ein wenig eleganter verpackt als in Online Rollenspielen aber wenn man tief genug nachsieht, ist es oft das was überbleibt.

3. Das Thema Rassismus und Entmenschlichung

Und jetzt erst komme ich zum Thema Rassismus. Wenn Orks soweit entmenschlicht werden, dass Spieler und Charaktere ohne zu zögern bereit sind, sie zu töten, dann erinnert mich das immer schmerzlich daran, dass Auschwitz auch heute noch möglich wäre. Und wenn jetzt das Argument kommt: Aber Orks sind doch nur Phantasiewesen, dann gehen wir weiter zu anderen klassischen Schnetzel-Bösewichten: die Sturmtruppen in Star Wars. Kriegen auch nicht mehr Empathie ab als Orks, in den Keramikpanzern stecken aber Menschen. Oder wer es ganz real will, denkt an Nazis. Nicht die Parteispitze, sondern den schwulen, kommunistischen Vierteljude, der in eine Wehrmachtsuniform gesteckt wurde, um den seine Eltern und Freunde zu Hause trauern, nachdem ich ihm ohne mit der Wimper zu zucken eine Kugel in den Kopf gejagt habe.
#BlackLifesMatter ist die Parole der Stunde. Und ich mag sie nicht sonderlich. #EveryLifeMatters gefällt mir besser. Egal ob Weißer Cis-Mann, Muslimische Frauenrechtskämpferin, oder Nazi Kriegsverbrecher. Letzterer gehört natürlich bestraft. Mit Haftstrafe und nach einem ordentlichen Gerichtsverfahren. Nicht erschossen von einem selbsternannten Vigilanten. Im echten Leben sowieso, aber auch im Rollenspiel. Zumindest wenn wir für uns in Anspruch nehmen, dass unsere Hobbies mehr sind, als eine schnelle Runde Heroquest. Egal ob mit Würfel oder Verkleidung.

Also darf man keine Orks töten?

Doch, darfst du, Wenn du Spaß daran hast, ich halte dich nicht auf. Und lass dich auch nicht von anderen aufhalten. Du bist nicht der erste, der einen Umstieg auf eine neue Regeledition oder ein Setting-Retcon nicht mitmacht, weil es ihm nicht gefällt. Die Welt wird davon nicht untergehen. Du bist deshalb kein Rassist und kein schlechterer Rollenspieler.
Dieser Artikel erschien aus aktuellem Anlass und fasst zwei ältere Artikel von mir zu den Themen Schnetzel-NSCs und Mord im Rollenspiel zusammen.

4 thoughts on “Darf man Orks töten?

  1. Interessanterweise kommt das Argument „Mord ist viel schlimmer als Diskriminierung/Sklaverei/Homophobie etc.“ auch in „moderneren“ klassischen Rollenspielen kaum an. Ich hatte mal eine entsprechende Diskussion im Spittermond-Forum, wo ich auch viel Unverständnis stieß mit der Verwunderung darüber, dass man sich einerseits nicht daran stört, zu töten, wohl aber anderersteits daran z.B. Varge (innerweltlich) zu diskriminieren. Das Hauptargument der Pro-Kampf-Aber-Contra-Diskriminierung-Fraktion lautete: Diskriminierung kennt jeder aus der echten Welt, bei Kämpfen ist von vornherein klar, dass das ein rein fiktionaler Spielinhalt ist. Was mich nicht überzeugt – aber man wird leider sehr schnell in eine Ecke gestellt, wenn man anmerkt, dass es schlimmere Verbrechen gibt als die genannten. Darum ist eine solche Diskussion auch wenig zielführend, zu viele Leute wollen sich dabei profilieren. Habe dazu mal einen Artikel geschrieben (https://rpgnosis.wordpress.com/2014/04/25/was-im-rollenspiel-zu-meiden-ist-und-was-nicht-karneval-der-rollenspielblogs/) der auch entsprechend kontrovers diskutiert wurde.
    Letztlich geht es mAn primär um folgende Punkte:
    – versuche ich im Spiel, reale Erfahrungen zu kompensieren oder Fantasien auszuleben?
    – kann ich Spielinhalt und Realität ausreichend trennen oder schwappt da evtl. was über (z.B. patriarchales Denken des Charakters auf das Verhalten des Spielers gegenüber seinen Mitspielerinnen)?
    – Stoßen sich evtl. Mitspieler/innen an meinem Spiel?
    Aber schlussendlich läuft alles auf Regel 0 hinaus: spiel nicht mit Arschlöchern.
    Auch kein noch so buntes Setting wird einen überzeugten Sexisten oder Homophoben „kurieren“, und das ist auch weder die Aufgabe von Rollenspielautoren noch von Mitspielern. Ebensowenig ist derjenige automatisch ein schlechter Mensch, der gerne Kämpfer oder Dungeoncrawls spielt.
    Über kritische Inhalte sollte man reden oder sich entsprechend kennen, damit alle Spaß haben.

  2. „Traurigerweise findet man auch in neueren Artikeln und vor allem Youtubevideos folgenden Tipp, wie man sein Rollenspiel verbessern kann: Beschreibe deine Angriffe möglicht detailliert. Sorry, aber das ist kein Rollenspiel, das ist Snuff-Porn. Wenn schon detaillierte Beschreibungen, dann vom Tod, nicht vom Töten. Beschreibe, wie sich die Körperöffnungen des Sterbenden öffnen und entleeren (viel Spaß beim Looten der Leiche), wie der Sterbende um einen Schluck Wasser bettelt, sich nach ihrem Liebsten sehnt oder darum bittet, diesem letzte Worte zu übermitteln (du musst nun für unsere Kinder sorgen!)“

    Der Begriff Snuff wird hier schon wieder viel zu inflationär verwendet, eine Auseinandersetzung mit der Geschichte des Wortes wäre nett. Wenn überhaupt etwas davon in so eine Richtung geht, dann das was du als zweites beschreibst. Wenn sich Leute daran aufgeilen, dann hat das tatsächlich was von Snuff-Porn. Angriffe möglichst genau beschreiben ist einfach nur trashiges Action-Kino. Und ist auch genauso verwerflich oder nicht verwerflich wie ein Film der viel Wert auf Kampfszenen legt.

    Bei Punkt 2 würde ich dir absolut zustimmen.

    Bei Punkt 3 zu großen Teilen auch. Aber bitte informier dich mal dazu was tatsächlich hinter den Parolen „#BlackLifesMatter“ und #EveryLifeMatters“ steht, insbesondere im kulturellen und im ersteren Fall auch historischen Kontext. Das du (vermutlich wegen fehlenden Infos und nicht aus Absicht) dich hier mit der Parolen-Wahl mit höchst fragwürdigen Gruppen gemein machst wirft ein ungutes Licht auf einen eigentlich sehr guten und differenzierten Beitrag.

  3. Bei allem Respekt, aber das ist lächerlich und natürlich lasse ich meine Spieler beschreiben, was sie bei den Proben und Kämpfen machen wollen, den sonst wird PnP aufs reine würfeln degradiert. Warum sollte ich beim spielelen auf political correctness achten, das Spiel soll Spaß machen und da ist kein Platz für Politik. Ich habe mit meinen Spielern darüber gesprochen und sie sehenn das ähnlich und deshalb ist die Story ja nicht flach, das sind zwei paar verschiedene Schuhe, die nichts miteinander zu tun haben. Ich arbeite mindestens an 4 Abenden in der Woche an meinen Abenteuern. Du hast einfach eine andere Vorstellung von PnP, deshalb ist weder, dass eine noch das andere schlechter

    1. Hallo Dirk,

      Danke für deinen Kommentar. Erstmal: ich will dir nichts verbieten. macht bitte, was immer euch Spaß mach am Tisch. Du schreibst , dass wir offenbar unterschiedliche Vorstellung vom Spiel haben und da hast du wohl recht. Alleine der Satz “ Ich arbeite mindestens an 4 Abenden in der Woche an meinen Abenteuern“ zeigt mir, wie unterschiedlich unser Ansatz ist. Zum einen, weil ich keine Abenteuer leite. Ich überlege mir einen Rahmenplot und dann erzähle ich mit meinen Spielern eine Geschichte, bei der manchmal Würfel entscheiden, wies weitergeht. Vorbereitungszeit investiere ich nur ganz ganz wenig. Das meiste ist während des Heimwegs von der Spielerunde erledigt. Vielleicht betreibe ich noch zu einem speziellen Thema Recherche im Internet, aber der Großteil ist rein improvisiert.

      Ich beschreibe in diesem Blog auch keine allgemein fürs Rollenspiel gültigen Dogmen, sondern bringe meine Sicht der Dinge dar. Dass sich diese von einem sehr großen Teil der Spielerschaft unterscheidet ist mir klar. Ich gehe mal auf die einzelnen Punkte ein:

      Beschreiben von Kampfaktionen. Ich gebe zu, meine Formulierung mit dem Snuff Porn war übertrieben. Aber mein Punkt ist: oft ist das (möglichst blutige) Beschreiben von Angriffen das einzige Rollenspiel das am Tisch stattfindet. Und das ist auch OK so. Mir reicht es aber nicht. Allzu brutale Beschreibungen brauch ich nicht und der Rest macht mein Spiel nicht besser. Zumindest wenn es klassische Angriffe mit Waffen (inklusive Fäuste und Zauber) sind. Was anderes sind kreative Angriffe, z.B. die Szene in Ronin, in der Robert de Niro den Möchtegern in seinem Team mit einer Tasse Kaffee überwältigt. Da braucht man aber auch ein Regelwerk, dass das hergibt.

      Die Annahme, dass das Spiel ohne Beschreibungen zu einer reinen Würfelei verkommt kann ich nicht teilen. Vor allem weil in meinen Runden ohnehin nicht viel gewürfelt liegt. Das liegt unter anderem daran, dass schon mal sehr selten gekämpft wird. Und noch seltener getötet. In einer 1,5 jährigen Westernkampagne hat es mein Charakter geschafft 0 Leichen zu produzieren. In meiner Achtung Cthulhu Kampagne hat ein Charakter bei der Infiltration eines Schlosses einen plötzlich auftauchenden SS Soldaten erschossen und war nervlich fertig, weil sie einen Mord begangen hat. Die Versuche der anderen Charaktere diesen wieder aufzubauen waren – für mich zumindest – deutlich bessere Story, als detailliert zu Beschreiben, wie dem Nazibösewicht diverse Gliedmaßen abgetrennt werden. Insgesamt gab es in dieser Kampagne mit rund 40 Sitzungen 3 Kampfszenen. Das nur abschlie0end um die Bedeutung von Kämpfen allgemein in unserer Runde zu beschrieben.

      Ich weiß nicht, warum du den Eindruck hast, dass der Artikel die political correctness preist. Ich kritisiere die Heuchlerei, die ich in den öffentlichen Kanälen oft erlebe, dass etwa Diskriminierung von Charakteren (!!!) auf Grund von Rasse oder Geschlecht zu Aufschreien führt, gleichzeitig aber Mord und Lynchjustiz als Problemlösungsmethode Nummer 1 selbstverständlich sind. Und lassen wir die PC mal bei Seite: ich finds halt auch viel spannender, sich an einer Wache vorbeizuschleichen, verklediet an ihr vorbeizugehen, sie zu bestechen oder erpressen oder was auch immer, als sie einfach umzuschneiden. Aber wie gesagt: das ist Geschmackssache und alle Ansätze haben ihre Berechtigung.

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