Lang lebe der Prinz! – 7th Sea Quickstart

„Die Regeln von 7te See funktionieren nicht“ behauptet mein Kumpel Roman. Und er hat natürlich recht, aber ich entgegne ihm: „Die Regeln von 7th Sea funktionieren auf 3 Seiten nicht. DSA4 funktioniert auf 2000 Seiten nicht.“ Nun hat Autor John Wick die Rechte an seinem Baby erworben und damit den erfolgreichsten Rollenspiel-Kickstarter aller Zeiten hingelegt. Noch ist nichts heraußen, aber einen (Beta) Quickstart gab es schon, für die Backer. Wir haben ihn angespielt und ich will meine Eindrücke hier teilen.

 

Disclaimer I: Ich beziehe mich hier auf den Quickstarter der Beta-Version. Die endgültig publizierten Inhalte können von den hier beschriebenen abweichen.

 

Disclaimer II: Dieser Test enthält Spoiler für das 7th Sea Quickstart Abenteuer „Lang lebe der Prinz“. Wenn du vorhast, dieses noch zu spielen, lies nicht weiter!

 

Meinung zum 7th Sea Quickstart
Ennio Vespucci und Zyta Kurowski im Duell um Samartia. Cover-Illustration des 7th Sea Quickstarts von Shen Fei.

Noch hier? Gut, dann begleiten wir Ennio Vespucci, den größten Schwertmeister, Trinker und Liebhaber Vodacces auf seinem Abenteuer.

Die Party – oder warum sind wir eigentlich hier?

Ennio befindet sich im Samartischen Commonwealth, weil seine Schwester, die Fate Witch Domenika, den samartischen Prinzen Alexsy Gracjan Nowak heiraten soll. Sein Kumpel Roberto Gallo, ein ehrbarer Kapitän hat sie von Vodacce hier hergebracht und Azucena Esquivel ist Alexis Leibwächterin.  Alle fünf Charaktere sind sehr liebevoll gestaltet und verfügen über interessante Fertigkeiten und Eigenschaften. Einzig Domenika hätte man einen überdurchschnittlichen Wert in jenem Trait, mit dem sie ihre Magie wirkt, spendieren können.

Aber sehr gut gemacht ist, dass die Charaktere miteinander verbunden sind. Das zukünftige Brautpaar bleibt natürlich beieinander und ihre jeweiligen Leibwächter rücken ebenfalls nicht von ihrer Seite. Bei Roberto Gallo ist das nicht ganz so gut gelungen, die Freundschaft mit Ennio Vespucci wirkt ein wenig konstruiert. Aber als Kapitän ist er derjenige, der die Charaktere aus der Hauptstadt bringen kann. Und als Priester kann er eine Nothochzeit vornehmen, was sehr vorteilhaft sein kann, wenn man vorhat den Schwiegervater um Truppen zu bitten.

Interessant ist auch, dass man nicht wie oft üblich unerfahrene Bauern spielt, sondern eben einen echten Prinzen und die Kinder eines der mächtigsten Männer Vodacces. Insgesamt ein großes Plus für die vorgefertigten Charaktere.

Die Grundmechanik

Auf Grund eines plötzlich ausbrechenden Feuers gepaart mit dem Auftreten eines überehrgeizigen Adeligen samt Armee muss die Party aus dem Schloss flüchten. Zeit für den ersten Fertigkeitswurf.

Auf den ersten Blick sieht das Charakterblatt sehr vertraut aus: die fünf bekannten Traits (Brawn, Finesse, Wits, Resolve und Panache) und Skills, jeweils mit fünf als Maximalwert erinnert sehr stark an die erste Edition. Ebenso gibt es Virtue und Hubris. Immer noch wird aus Trait + Skill ein Würfelpool gebildet und auch der W10 ist erhalten geblieben. In der ersten Edition wurde nach Roll & Keep ausgewertet: würfle deinen Pool und zähle so viele Würfel zusammen, wie du im passenden Trait hast. Das hat zwar bedeutet, dass man auch ohne eine Fertigkeit angeskillt zu haben, darauf würfeln konnte, es hatte aber auch den Effekt, dass Traits steigern immer viel effizienter war, als Fertigkeiten anzuheben. Schade, denn die Fertigkeiten sind es meiner Meinung nach, die den Charakter ausmachen sollen.

In der Neuauflage wird nun aber anders ausgewertet. Nach dem Wurf bildet man Würfelgruppen, die gemeinsam mindestens 10 ergeben. Also zum Beispiel eine einzelne 10, eine 9 +1 oder eine 6+3+2. 7th Sea spricht hier von Raises. Mit einem einzigen Raise ist die Aktion schon gelungen, zusätzliche Raises können für Bonuseffekte genutzt werden: Schaden vermeiden, Schaden austeilen, andere Charaktere unterstützen oder das Umwerfen von Bücherregalen, um Verfolger auszubremsen.

Ich war anfangs etwas skeptisch, dass das Bilden dieser Zehnergruppen zu lange dauern würde, aber in der Praxis ging es dann doch recht flott von der Hand. Einzig bei sehr großen Würfelpools kann das Zählen der Raises etwas dauern.

Konsequenzen

Der Spielleiter ist bei jedem Wurf angehalten, die Konsequenzen einer Aktion zu benennen. Im einfachsten Fall sind das Wunden, die man erleidet. So auch bei dem Versuch von Ennio und seinen Begleitern aus dem brennenden Palast zu gelangen: die Konsequenz für das Springen aus dem Fenster sind drei Wunden. Leider haben die Autoren hier keine kreativeren Konsequenzen aufgezählt. Im Regelteil haben sie das jedoch getan: als Beispiel für das Knacken eines Schlosses werden folgende Konsequenzen vorgeschlagen:

  • Jemand auf der anderen Seite der Türe bemerkt den Einbrecher
  • Das Schloss ist mit einer Giftfalle versehen
  • Die Dietriche brechen beim Öffnen des Schlosses

Leider lässt der Quickstart den Spielleiter im Unklaren, wie er verfahren soll, wenn die Giftfalle auslöst.

Ganz allgemein habe ich aber mit den Konsequenzen zwei Probleme: zum Einen sehe ich die Gefahr, dass dem Spielleiter irgendwann die Ideen ausgehen und die Konsequenzen dann nur noch in Schadenspunkten angegeben werden. Und zum Zweiten: der Spielleiter nennt die drohenden Konsequenzen bevor der Spieler würfelt. Er muss sich also Konsequenzen ausdenken, die möglicherweise niemals eintreten. Wenn der Spielleiter diese eine coole Idee hat, was beim Schlösserknacken schief gehen kann, riskiert er, diese für einen besonders gelungenen Wurf des Spielers zu verbraten. Oder er bringt die Konsequenz so lange ins Spiel, bis sie auch mal eintrifft. Bis dahin unterliegen aber Überraschungseffekt und Bedrohungspotenzial starken Abnutzungserscheinungen.

Besser gefiele mir da die Regel: es benötigt 3 Raises um die Aktion solide zu schaffen. Für jeden Raise weniger überlegt sich der Spielleiter eine Konsequenz. Aber eben erst, wenn ein mäßig guter Wurf das notwendig macht. Allerdings geht dann auch die Möglichkeit, die Konsequenzen auf sich zu nehmen, um einen anderen Effekt zu erzielen, etwa eine anderer Person zu schützen, verloren.

Ein Haufen Schergen – der erste Kampf

Unsere Helden haben es also nach draußen geschafft, als eine neue Bedrohung in Form von Soldaten auftaucht. Ennio und Azucena kümmern sich darum, während der Rest zu Robertos Schiff eilt. Und wir lernen den Kampf gegen Brutes kennen. Brutes, das sind jene Scharen an Gegnern, die ständig in Überzahl auf den Protagonisten losgehen und stets problemlos vermöbelt werden. Die Regeln dafür sind denkbar einfach: egal ob eine Gruppe aus aufgebrachten Bauern oder königlichen Gardisten besteht: sie hat nur einen einzigen Wert und das ist ihre Mannstärke. Eine Gruppe von fünf Räubern hat daher einen Angriffswert von 5. Mit jedem Raise, den ein Spieler würfelt, nimmt er einen Schergen aus dem Spiel und reduziert damit die Angriffsstärke des Trupps.

Der Kampf gegen die Brutes macht echt Laune und ist nach zwei Runden auch schon vorbei. Ohne selbst schwer verletzt zu werden besiegen die zwei Nahkämpfer die drei angreifenden Truppen. Das geht schnell von der Hand und sorgt für ein echtes Erfolgserlebnis bei den Spielern.

In dieser Szene ist außerdem ein moralisches Dilemma für Azucena eingebaut: bleibt sie an der Seite ihres Prinzen oder verfolgt sie den Typen, den sie noch nie leiden konnte und der sich nun aus dem Staub macht? Ich kann mir nur leider nicht vorstellen, dass viele Spieler vor diese Entscheidung gestellt werden, denn von der Motivation, den Verräter zu verfolgen, erfährt Azucenas Spieler nicht. Außer vielleicht durch Telling durch den Spielleiter, aber das wirkt schon sehr aufgesetzt. Das hätte man schon deutlich besser umsetzen können.

Wir erschnorren uns eine Armee

Der zweite Teil des Abenteuers sieht vor, nach Vodacce zu reisen und sich dort auf einem Maskenball eine Armee zusammen zu betteln, mit der der Aufstand in Samartia niedergeschlagen werden soll. Wir haben diesen Teil gleich mal übersprungen, was sehr schade ist, denn er hätte viel Potenzial für schönes Charakterspiel geboten. Vier Adelige sind auf dem Ball anwesend, die über Truppen verfügen und diese unter den richtigen Bedingungen auch zur Verfügung stellen. Mit etwas Recherche findet man dann auch für jeden von ihnen einen oder mehrere Punkte heraus, bei denen man ansetzen kann. Und jeder der vier ist für unterschiedliche Spielercharaktere besonders zugänglich. Das ist sehr schön gelöst und sorgt dafür, dass auch jene Charaktere ihren Einsatz bekommen, die nicht auf dem glatten Parkett von Politik und Intrige zu Hause sind.

Allerdings: die potenziellen Unterstützer sind für meinen Geschmack zu leicht zufrieden zu stellen. Sich von einer Story über den ungerechten Putsch erweichen zu lassen passt nicht ganz zu meiner Vorstellung von Vodacce Handelsfürsten. Ein paar Zugeständnisse in Form von Handelsprivilegien, Adelstiteln oder Ländereien hätten da schon besser gepasst.

Der Showdown: Duell mit einem Bösewicht

Zum Abschluss des Abenteuers kommt es nun zum Duell mit Zyta Kurowski, ihres Zeichens Schwertmeisterin und Leibwächterin des Oberputschisten. Als größter Schwertmeister Vodacces hat Ennio natürlich die Aufgabe übernommen, sie zu fordern und sich mit ihr zu duellieren. Als Mitglieder der Schwertmeistergilde ist es natürlich ein ehrenhafter Zweikampf. Zyta ist ein echt harter Brocken. Ennio hat natürlich gewonnen, vor allem weil er der größte Schwertmeister Vodacces ist, falls ich das noch nicht erwähnt habe, aber auch weil die anderen Spieler zu Beginn des Kampfes ihre Buffs und Debuffs rausgehauen haben. Für den Rest des Duells waren sie aber zum Zuschauen verdammt.

Was halb so schlimm wäre, wenn der Kampf schnell beendet oder spannend wäre. Im Endeffekt war es aber ein stupides runterzählen von Hitpoints. Insgesamt 8 Kampfmanöver bieten die Quickstartregeln, aber nach einer kurzen Experimentierphase hatten wir schnell die effizientesten heraußen und das Duell ließ jegliches taktisches Element vermissen.

Dazu kommt der Schwierigkeitsgrad des Kampfes: es ist deutlich wahrscheinlicher, dass Zyta gewinnt, als dass Ennio sie in einem Zweikampf niederringt. Der Quickstart sieht das sogar als Cliffhanger, denn Prinz Alexsy wird von ihren Schergen abgeführt, um ihn zu Hause wegen Verrats anzuklagen. Werden die anderen Helden es schaffen, ihn vor seiner Hinrichtung zu befreien? Oder die Frage die sich mir eher aufdrängt: Was macht Alexsys Spieler, während seine Gefährten ihn retten?

Nach unserem Abenteuer habe ich mir den Quickstart dann durchgelesen und war schwer enttäuscht von der Darstellung Zytas. Sie wird dort als kaltblütige Sadistin ohne Manieren hingestellt, die sich nur widerwillig an den Ehrenkodex der Duellanten hält. Zum Glück hat unser Spielleiter eine andere Darstellung gewählt. Die, einer treuen Dienerin unseres Gegners, aber nicht unsympathisch. Nachdem Ennio sie äußerst knapp besiegt hat, hat sie ihm zum Sieg gratuliert und ihm zugestanden der bessere Fechter zu sein. Und man hat sich zu einem Gläschen Chianti verabredet. In einer Kampagne hätte Zyta noch viele verschieden Rollen spielen können: Verbündete, befreundete Rivalin, Maid in Nöten, Wütende Ex-Geliebte…. Einfach nur Schade, dass im Abenteuer eine Gegnerin präsentiert wurde, die man mit der selben Gleichgültigkeit oder gar Befriedigung tötet, wie den Nekromanten in DnD.

Fazit

Die Regeln haben immer noch ein paar Macken, aber ich halte sie für eine Verbesserung im Vergleich zur ersten Edition. Das Abenteuer selber finde ich trotz des misslungenen Finales sehr gelungen, dazu tragen sicher die interessanten Charaktere bei. Wobei ich auch finde, dass die Story an ein Demoabenteuer vergeudet ist. Die ganze Geschichte um Prinz Alexsy und den Putsch in Samartia kann man leicht zu einer Kampagne ausbauen. Ich will mal nicht ausschließen, das in einer anderen Runde zu leiten. Dennoch: wer rules light nicht grundsätzlich ablehnt, sollte 7th Sea und das das Abenteuer „Lang lebe der Prinz!“ unbedingt ausprobieren!

 

Du hast andere Erfahrungen mit dem 7th Sea Quickstart gemacht?  Oder welche Änderungen habt ihr am Abenteuer vorgenommen? Habt ihr nach dem Duell weiter gespielt oder plant es, wenn die finale Version heraußen ist? Lass es mich wissen, ich freue mich, wie immer, über Kommentare!

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.