Nazis, Orks und Sturmtruppen

Die Kämpfer in der Runde werden schon ungeduldig. Nach stundenlangem Investigieren und Sozialisieren wollen Sie endlich ihre Kanonen oder Schwerter auspacken um ein bisschen Dampf abzulassen. Zeit also, für eine Kampf-Szene. Also wirft der Spielleiter seinen Spielern ein paar NSCs entgegen, die man ohne lang nachzudenken niedermachen kann. Schnetzel-NSCs. Wie gut, dass es Nazis, Orks und Sturmtruppen gibt!

Eine Szene, die ich nicht nur einmal im Rollenspiel erlebt habe. Vor kurzem habe ich in einer Hollow Earth Expedition Demorunde mitgespielt.  Es handelte sich um den Quickstarter, den man von der Website des Uhrwerk Verlages kostenlos downloaden kann. Der Plot kurz zusammengefasst:

Die Spielercharaktere geraten mit ihrem Schiff in einen Sturm und finden sich plötzlich in der Hohlwelt wieder. Sie haben keine Ahnung, wie sie hier her gekommen sind und noch weniger, wie sie von hier wieder weg kommen. Nach kurzem Überlebenskampf im Dschungel treffen sie auf Zivilisation: eine Ruinenstadt, in der Nazis eine Ausgrabungsstätte errichtet haben und sich dazu versklavter Eingeborener bedienen. Die Nazis kamen mit einem U-Boot und einem Wetterkontrollgerät geplant hier her. Offensichtlich wissen sie, wie man von hier wieder wegkommt.

Selbstverständlich darf eine Szene, in der beschrieben wird, wie die Nazis die Eingeborenen misshandeln, nicht fehlen. Und: das Abenteuer geht davon aus, dass man die Nazis bekämpft. Eine friedliche Lösung ist nicht vorgesehen. Wir haben uns dazu entschlossen, erst einmal mit den Deutschen zu sprechen. Aus Sicht unserer Charaktere hätte ein Angriff keinen Sinn gemacht: sie hatten keine Ahnung, wie man ein U-Boot bedient, vom Wetterkontrollgerät ganz zu schweigen. Und wir hatten 1936, wir Amis befanden uns also noch nicht im Krieg mit dem Deutschen Reich und der Holocaust hatte auch noch nicht begonnen. Also haben wir Kontakt aufgenommen.

Der Spielleiter war großartig. Die Darstellung des SS-Offiziers war sehr gelungen. Zwar voll von Ideologie über Herren- und Untermenschen, erweis er sich als Gentleman, der uns auch zusicherte, uns nach Berlin, also auf die Außenseite der Erde bringen zu wollen, sobald seine Ausgrabungen beendet seien. Mit den deutschen Soldaten haben wir, wie sich das in einem solchen Setting gehört, Schnaps und Zigaretten ausgetauscht. Letztendlich kam es dann aber doch zum Kampf und selbst in dieser Runde, fiel dann noch der Satz “Du hast Skrupel Nazis zu töten?”.

Der Untermensch – kein Monopol der Nazis

Warum findet jeder normal denkende Mensch Nazis Scheiße? Weil sie einer menschenverachtenden Ideologie gefolgt sind. Sie haben Mitglieder anderer Volksgruppen oder Religionen als lebensunwert deklariert. Durch gezielte Propaganda wurden zum Beispiel Juden entweder als primitive Kreaturen, mehr Tier als Mensch oder als durchgehend kriminell dargestellt. Wer einem Juden Gewalt angetan hat, musste meist keine rechtlichen Konsequenzen befürchten.

Kommt uns Rollenspielern das bekannt vor? Ist das nicht das Bild, das J.R.R. Tolkien und nach ihm viele Rollenspielautoren von Orks zeichnen? Orks sind alle primitiv. Ihre bevorzugten Kommunikationsmittel, mit uns edlen Menschen sind Plündern, Töten, Schänden. Man kann sie bedenkenlos töten, denn es sind ja nur primitive Orks! Untermenschen, sozusagen.

Mit den Nazis im Rollenspiel verhält es sich ganz ähnlich: sie tragen eine Wehrmachts- oder SS-Uniform, also müssen sie abgrundtief böse sein. Man kann sie bedenken- und konsequenzenlos töten! Weil die echten Nazis anderen, die nicht ihren Vorstellungen entsprachen, das Recht zu Leben absprachen, tun wir dies mit den Nazi-NSCs. Irgendwie ironisch, oder?

Und was wir auch nicht vergessen dürfen: Die Nazis haben zwar das Töten perfektioniert. Aber Völkermord und die Verfolgung von Personen, die religiös, politisch oder sexuell andere Orientierungen haben, ist nicht ihr Alleinstellungsmerkmal. Das hat es in allen Epochen der Geschichte gegeben und ist auch heute noch weit verbreitet.

Darstellung von Nazis, Orks und Sturmtrupplern

Nazis

Indiana Jones und Castle Wolfenstein sei Dank, haben sich die Nazis ihren festen Platz unter den Standardbösewichten erkämpft. Der Begriff wird allerdings etwas inflationär gebraucht. Nicht jeder, der in einem Setting der 30er und 40er Jahre eine deutsche Uniform trägt, ist ein Nazi. Unter einem Nazi verstehe ich im engeren Sinne ein überzeugtes Mitglied der NSDAP, im weiteren Sinne einen Sympathisanten des Nationalsozialismus. Der Typ, der in der Wehrmachtsuniform steckt, mag in Wahrheit Kommunist, homosexuell oder Vierteljude sein. Wehrpflicht ist Wehrpflicht.

Aber auch Mitglieder der SS müssen nicht gleich abgrundtief böse Sadisten und Antisemiten sein. Sozialer Aufstieg, Karrierechancen oder die Hoffnung, der Front zu entgehen mögen alles Gründe gewesen sein, sich der Schutzstaffel anzuschließen. Im Rollenspiel werden aber meist alle deutschen Soldaten als glühende Nationalsozialisten und skrupellose Sadisten dargestellt. Die Nazi-Soldaten im Hollow Earth Abenteuer haben etwa alle die folgende Schwäche:

Vorurteile (+1 Stilpunkt, sobald er jemanden dazu bringt, das zu hassen, was er selbst hasst.)

Sturmtruppler

Ich denke mal, dass viele Eliteeinheiten fiktiver faschistischer Regime Anleihe bei den Nazis genommen haben. So auch Star Wars bei den Sturmtruppen. Bei der Darstellung der Sturmtruppen wurde jedoch die Entmenschlichung des Gegners perfektioniert. Der Trick: der Helm mit den nach unten abfallenden Mundwinkeln, der jegliche Emotion verbirgt. Ich hätte jetzt fast geschrieben, dass der typische Sturmtruppler den Charakter und die Persönlichkeit eines Roboters hat, aber Droiden wie C3-PO oder dieser dämliche Fußball haben mehr Charakter als jeder Sturmtruppler. So wie die Nazis die Juden entmenschlicht haben, tun dies die Macher von Star Wars mit den Sturmtrupplern.

Die Elite-Soldaten in den weißen Keramik-Panzern weinen nicht, wenn ihre Kameraden fallen, sie zögern nicht, wenn sie auf Zivilisten schießen und sie sehnen sich nicht nach ihren Familien, wenn sie zum Einsatzort geflogen werden. Und wenn doch: der Helm verbirgt es. Es ist auch kein Zufall, dass gleich zu Beginn von Star Wars Episode 7 der Strumtruppler Finn einen Blutfleck auf seine Rüstung bekommt. Die Botschaft: dieser spezielle Sturmtruppler ist aus Fleisch und Blut. Er ist verletzlich, Er ist ein Mensch. Im Gegensatz zu seinen Kameraden!

Orks

Was haben die Aufseher in Auschwitz, vergewaltigende Rot-Armisten, Sturmtruppler, die ein Dorf voller Zivilisten nieder machen, die Söldner im 30-jährigen Krieg und Jack the Ripper gemeinsam? Nun, sie alle waren Menschen. Die wohl böseste Spezies, die die Natur jemals hervorgebracht hat. Und dennoch sind es im Fantasy-Setting oft die Orks, die plündernd und brandschatzend in die Lande der Menschen einfallen. Der “Vorteil” von Orks als Schnetzel-NSCs: es sind nicht mal Untermenschen, sondern gar keine Menschen. Aber wie bereits erwähnt: die Darstellung der Orks in vielen Settings unterscheidet sich nicht viel von der Nazi-Propaganda gegen die Juden:

Antisemitisches Propagandaplakat des Gaupropaganda-Amts der NSDAP, Saarpfalz
“Mord, Brand und Lüge ist ihm Hochgenuß! Ein höllisch Tier, das stets die Krallen spreizt.” – Könnte auch im aventurischen Greifenfurt während des Orkkriegs hängen. Antisemitisches Propagandaplakat des Gaupropaganda-Amts der NSDAP, Saarpfalz. Quelle: German Propaganda Archive (http://germanpropaganda.blogspot.co.at/2011/09/new-issues-of-wochenspruch-der-nsdap.html)

Fazit

Ich will jetzt auf keinen Fall dagegen wettern, Orks, Nazis oder Sturmtruppler als Gegner im Rollenspiel zu nutzen. Aber ich wünsche mir mehr Hans Landa und weniger Castle Wolfenstein. Auch die Protagonisten der Dunklen Seite können liebende Familienväter oder begnadete Violinvirtuosinnen sein. Auch im Rollenspiel halte ich ja wenig vom Töten als Ansatz zur Problemlösung. Außer natürlich zur Selbstverteidigung. Aber bei jedem Leben, das ein Charakter beendet, egal ob Räuber, Soldat oder Konzerngardist sollte dieser sich bewusst sein, dass er möglicherweise gerade ein Kind zum Waisen, einen Partner zur Witwe oder zum Witwer macht. Da finde ich es dann auch nicht angebracht, Gegner soweit ins Böse Eck zu stellen, dass man keinerlei Skrupel mehr hat.

Lassen wir unsere Gegner zerrissen sein, zwischen Pflichtbewusstsein, persönlichen Interessen und moralischen Bedenken. Das bringt auch mehr Möglichkeiten ins Spiel, Ein Sturmtruppler mag ein loyaler Anhänger des Imperiums sein, aber deshalb muss er das Auslöschen von Dörfern nicht unbedingt gut heißen. Lassen wir ihn doch in ein moralisches Dilemma geraten. Und geben wir damit den Spielern die Möglichkeit, den Bösewicht zum Verbündeten zu machen.

 

One thought on “Nazis, Orks und Sturmtruppen

  1. Guter Beitrag; im Prinzip macht man mit diesen bösen Gruppen dasselbe, was man ihnen vorwirft: nämlich die Bewertung ihrer selbst aufgrund dessen, was sie sind, und nicht aufgrund dessen, was sie tun. Klassisches in-/out-group und Stereotypen-Denken.
    Was nicht heisst, dass böse Rassen in Fantasy-Welten nicht gut reinpassen und auch plausibel sein können – nicht jeder Ork muss nur eine schlimme Kindheit gehabt haben. Aber sobald’s um Menschen geht, wird die Sache natürlich heikler.

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