Prostitution im Rollenspiel – Was ist daran so reizvoll?

Prostitution wird gerne mal als das Älteste Gewerbe der Welt bezeichnet. Wahrscheinlich ist sie das nicht wirklich. Aber in der Rollenspielwelt hat diese Aussage eine gewisse Gültigkeit. 1979, als Charaktere noch lediglich Kämpfer, Magier oder Kleriker von Beruf waren und nicht-kampfbezogene Skills noch etwas gänzlich neues, druckte TSR in seinen AD&D Gamemasters Guide die Random Harlot Table. Eine Zufallstabelle, mit welcher Art von Prostituierten man es zu tun hat.

Und seitdem sind die Damen – und in eher seltenen Fällen – Herren des horizontalen Gewerbes aus dem Rollenspiel nicht mehr wegzudenken. Sehr oft erfolgt die Darstellung Prostituierter sehr stark romantisiert. Gutaussehend und ebenso gelaunt gehen sie freiwillig und mit Freude ihrer Arbeit nach. Und die Helden finden sie so toll, dass sie auch schon mal ohne Bezahlung ans Werk gehen. Gewalttätige Freier, Menschenhandel, Minderjährige oder Zuhälter, die drohen, sich an der Familie zu vergehen, wenn die Angestellte nicht spurt kommen eher selten vor. Zumindest im Fantasy-Genre. Im Cyberpunk gehören die dunklen Seiten der Prostitution natürlich dazu.

Eine befreundete Larperin hat mir mal erzählt, dass sie auf einem Spiel gebeten wurde, als NSC eine Prostituierte darzustellen. Also hat sie sich die Zähne schwarz angemalt, einen Buckel in ihr Kleid genäht und ging so – mit eher mäßigem Erfolg – auf Freiersuche. Sehr zum Missfallen der Orga, die sich wohl etwas mehr Sex Appeal gewunschen hätte. In einer facebook Gruppe klagte neulich ein Spielleiter sein leid: anstatt auf seinen Plot einzusteigen, verbrachten die Spielercharaktere die Session lieber im Freudenhaus. Eine der wenigen Locations, die der SL nicht ausgearbeitet hatte. „Anfängerfehler“ wurde ihm mehrfach attestiert. Das ist doch der erste Ort, über den man sich als Weltenbauer Gedanken macht.

Diese zwei Anekdoten fassen für mich Darstellung und Bedeutung der Prostitution im Rollenspiel sehr schön zusammen. Aber warum ist das so? Betrachten wir das mal aus unterschiedlichen Perspektiven. Abseits von pubertären Albernheiten, wie sie vor allem – aber bei weitem nicht nur – in sehr jungen, männlichen Spielrunden vorkommen.

Wenn schon nicht in Echt…

Das Image des rollenspielenden Nerds hat sich in letzter Zeit dank Big Bang Theory und Vim Diesel etwas gebessert. Aber ganz verschwunden ist das Klischee vom übergewichtigen und ungewaschenen Neckbeard noch nicht. Und dieses Klischee ist nicht gerad erfolgreich in der Liebe. Also könnte man zu dem Schluss kommen, dass es zahlreiche Spieler gibt, die ihren Charakter ausleben lassen, was ihnen selbst verwehrt bleibt. Und da ist sicher auch kein Körnchen Wahrheit dran. Denn Rollenspiel ist nun mal Eskapismus. Es erlaubt uns, Dinge zu tun, die wir im echten Leben nicht können. Schwertkämpfe, waghalsige Flugmanöver in einem F-18 Jet oder eben sexuelle Abenteuer, für die unser Spieler-Ich zu feige, zu ungeschickt oder nicht reich genug ist.

Aber ich kenne genug Spieler, die sich in einer glücklichen Beziehung befinden oder ausreichend Nachschub an Partnern haben, die ihre Charaktere zur Siegesfeier am liebsten ins Bordell schicken. Und oft gesehen – sowohl bei männlichen als auch weiblichen Spielern – die Prostituierte als Spielercharakter. Und nein, das sind nicht immer die pickeligen, dickbebrillten Nerds.

Liebe leicht gemacht

Liebe und Sexualität gehören zur einer kompletten Darstellung eines Charakters dazu. Und da macht es die Prostitution den Spielern leicht. Leicht im Sinne von: ich kann ein sexuelles Wesen spielen, ohne mit dem Spielleiter flirten zu müssen. Ohne vor meinen Freunden Liebesbezeugungen aussprechen zu müssen und ohne die vielen kleinen Herausforderungen meistern zu müssen, die in einer echten Liebesbeziehung entstehen. Ich spare mir das unangenehme Gefühl, der Spielleiterin und gleichzeitig Partnerin meines besten Freundes in die Augen sehen zu müssen und die Worte „ich liebe dich“ hervorzubringen. Ich muss mich nicht im Beisein meiner Kumpels „Mausibär“ nennen lassen und ich muss weder den Macho noch den Pantoffelhelden raushängen lassen, wenn mein Charakter und dessen Partner unterschiedliche Ideen haben, wie der Abend zu verbringen sei.

Vor allem aber gehe ich keine Verbindlichkeit ein. Vielleicht haben meine Charaktere schon zu viele Geschwister, beste Freunde und Ehepartner an Spielleiter verloren, die der Kampagne eine dramatische Wendung geben wollten oder die zumindest die geliebten Personen in Gefahr brachten, um den Charakter in das Abenteuer zu erpressen. In diesem Fall ist die Liebschaft mit einer Prostituierten eine sichere Angelegenheit. Man kann den Charakter als sexuelles Wesen darstellen, ohne sich emotional oder plottechnisch angreifbar zu machen, Und wenn die Prostituierte der Wahl doch vom Oberschurken als Rache für das Vereiteln der Pläne getötet wird: egal. Gibt ja noch genug andere.

Ich finde diese Unverbindlichkeit sehr schade, denn es gibt viele tolle Charakterplots rund um die Liebe, die ein viel größeres Potenzial für gute Geschichten haben.

Das Spiel mit der Anrüchigkeit

Prostitution gilt als anrüchig. Somit sind Prostituierte und Bordelle ideale Projektoren, um den eigenen Charakter anrüchig darzustellen. Wer sich im Rotlichtmilieu herumtreibt, ist kein angepasster Softie. Das sagt also schon mal was aus, über meinen Charakter. Das Milieu kann aber nicht nur als Projektor sondern auch als Gegenpol genutzt werden. Ich fände ja einen Paladin, der sich in seiner Freizeit um die Angestellten des lokalen Bordells kümmert, vor allem medizinisch, durchaus reizvoll als Charakter. Die Dankbarkeit der Betreuten sollte sich dann aber anders zeigen als in kostenloser Inanspruchnahme der angebotenen Dienstleistungen.

Dieses Prinzip findet man sehr häufig im Kriminal-Genre. In jedem modernen Krimi ist der Kommissar entweder Alkoholiker oder treibt sich mit Vorliebe in Bordellen herum. Oder beides. Die Idee dahinter: der Polizist, der die moralisch hochstehende Aufgabe hat, das Verbrechen zu bekämpfen sucht die Nähe zu Damen mit einem moralisch deutlich niedriger bewertetem Aufgabenbereich. Um den Sex Workern zu helfen ignoriert er schon mal Regeln oder Gesetze oder ist sogar bereit, diese zu brechen. Das ist einerseits berechnend, eine Prostituierte kann eine wertvolle Informationsquelle für jeden Kriminalpolizisten sein, es holt aber den Charakter auch von seinem hohen Ross herunter und macht ihn menschlicher.

Auch in einem meiner Lieblingscomputerspiele, Police Quest, gibt es diese ikonische Geschichte. Der Polizist und Protagonist Sonny Bonds trifft auf die Prostituierte Sweet Cheeks Marie. Er beschützt sie vor Bikern und sie liefert ihm wertvolle Informationen über den Antagonisten des Spiels. In Police Quest 1 küssen sich die beiden, in Teil 2 folgt die Hochzeit und in Teil 3 kann Marie Sonny die freudige Nachricht überbringen, dass sie ein Baby erwarten. Die Beziehung zu der Prostituierten Marie macht den stets korrekten (das Spiel wurde in US Polizeischulen zur Ausbildung verwendet) Sonny zu einer plastischeren Figur.

Die Maid in Nöten

Im Rollenspiel stellen wir sehr oft Helden dar. Und das Rotlichtmilieu bietet genug Potenzial, heldenhaft zu sein. Es gibt keinen Mangel an gewalttätigen Freiern und Zuhältern, die man verprügeln kann. Es gibt Polizisten, die Stress machen und man kann der befreundeten Sexworkerin behilflich sein, aus dem Geschäft auszusteigen. Vielleicht arbeitet sie ja für jenen Mafiaboss, der ohnehin der Hauptantagonist der Kampagne ist, dann darf sich der hilfsbereite Held nicht nur seiner Heldentaten erfreuen sondern auch über neue Verbündete, die mit Informationen über Geldflüsse, Leichen im Keller und Schwachstellen aushelfen können.

Das Schema erinnert an die vom Drachen entführte Prinzessin. Die Frau ist das Opfer eines meist sehr mächtigen Gegners und muss aus dessen Fängen befreit werden. Der Konflikt kann mit Gewalt gelöst werden, Drache wie Zuhälter kann man einfach erschlagen. Oder der Plot ist etwas vielschichtiger. Vielleicht lässt sich das Problem durch Verhandlung lösen, vielleicht muss man mit dem moralisch verachtenswerten Gegner zusammenarbeiten. Da der Gegner oft mächtig ist, muss man zuvor vielleicht dessen Schwachstellen herausfinden. Als jemand, der Fantasyelemente eher sparsam einsetzt, sind mir Mafiaclans und Rockerbanden aber deutlich lieber als Drachen.

Schauplatz Bordell

Das Sex-Gewerbe ist stets mit dem organisierten Verbrechen verbunden, und egal in welchem Genre, organisiertes Verbrechen passt fast überall hinein. Und so passt auch das Bordell in die dunklen Gassen Aventuriens ebenso wie auf eine Raumstation im Star Wars Universum. Von dreckigen Genres wie Post-Apokalypse oder Cyberpunk gar nicht erst zu sprechen. Das Bordell ist ein ergiebiger Ort für Spielercharaktere: Angestellte können mit Informationen dienen, man trifft dort Händler für schwer erhältliches Zeugs wie Waffen oder Drogen. Mit etwas Glück begegnet man einem Politiker, den man später erpressen kann. Wer ein paar Schläger braucht, wird hier fündig. Wer eine Audienz beim Paten möchte, kann hier seine Suche beginnen. Hier kann man vermisste Töchter wiederfinden und bei Pokerrunden in Hinterzimmern die Stadt unter sich aufteilen.

Das Bordell ist aber auch ein gefährlicher Ort für Charaktere. Sie befinden sich hier auf dem Gebiet eines Syndikats oder einer Bande. Sollte es zu einem Gewaltausbruch kommen, hat die Heimmannschaft eine deutlich größere Reservebank als die Gäste. Charaktere, die eher jenseits des Gesetzes agieren müssen auch eventuelle Razzien der Ordnungshüter fürchten. Eine simple Ausweiskontrolle mag für die Cops Routine sein und mehr der Einschüchterung dienen, der Schmuggler, der in 12 Sternensystemen gesucht wird kann dabei aber ordentlich ins Schwitzen geraten. Diese Dualität, das Bordell als Ort nützlicher Kontakte, Informationen oder Waren einerseits und als Ort, an dem die Charaktere die Kontrolle über die Situation abgeben macht diese Location zu einem äußerst spannenden Ort.

Freier = Mann, Prostituierte = Frau?

Ja, zumindest in diesem Artikel. Das liegt zum einen daran, dass ich als Mann hier über meine Erfahrungen schreibe. Und in meiner Rollenspielkarriere waren es nun eben immer die Charaktere männlicher Spieler, die zwischen den oder während der Abenteuer mal ins Bordell abgebogen sind.

Es liegt aber auch daran, dass die Vorlagen in Romanen, Filmen und Serien in den allermeisten Fällen eine klare Rollenverteilung zeigen. Der Filmklassiker Pretty Woman wäre anders rum, also die Millionärin, die den Callboy aus dem Milieu holt und schließlich heiratet, wohl nicht so ein Erfolg geworden. Einen Mann, der Sex im Übermaß hat und dafür auch noch Kohle bekommt? Den muss man beneiden, nicht retten. Zumindest kommt mir das oft so vor. Ich bin jetzt nicht so der große Cineast, aber ich kenne keine Mainstream Filme, in denen eine Protagonistin die Zuhälterin ihres Prostituierten-Kumpels verprügelt, weil diese gemein zu ihm war. Auch Kommissarinnen, die in Bordellen ihre Kontakte pflegen fallen mir jetzt keine ein.

Aber im Rollenspiel können wir das doch anders machen. Aber, egal ob wir traditionelle oder progressive Geschlechterrollen bedienen: macht es nicht platt. Ob SC oder NSC: bringt spannende, tiefgehende Charaktere an den Tisch und erzählt mitreißende Stories über sie. 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.