Shadowrun – Real Life Edition

Rollenspiel im täglichen Leben lautet das Motto des Karnevals der Rollenspielblogs im Juni. Veranstaltet von Thilo vom Nerd-Wiki. Ich möchte das zum Anlass nehmen, drei Episoden aus meinem Leben zu erzählen, die auch einigen meiner Shadowrun-Charakteren hätten passieren können.

1. Der Zwergen-Street-Sam

Ca. 50 Meter von meinem ehemaligen Arbeitsplatz hatte der Manfred seinen Würstelstand. Nicht nur gab es dort exzellente Wurst, Manfred war auch ein äußerst angenehmer Gesprächspartner. In Wien, erzählt man sich, treffen sich der Strizzi (Zuhälter) und der Polizeipräsident, der Politiker und der Sandler (Penner) am Wüstelstand. Das galt auch für den Manfred. Neben SOKO Kitzbühel Kommisar Andreas Kiendl und Innenminister Günther Platter traf man dort den Fritz. Und der war ein Zwergen-Samurai wie er im Buche steht. Und zwar im legendären Straßensamurai Katalog auf Seite 103.

Ich bin jetzt schon nicht der Größte mit meinen 1 Meter 70, aber Fritz ist noch ein deutliches Stück kleiner. Glatze und Vollbart. Und am ganzen Körper tätowiert. In der Gegend wurde er von einigen geschnitten, weil er gesessen hat. Weswegen weiß ich leider nicht, aber in den Schatten fragt man so persönliche Dinge nicht. Und das beste an ihm: auf seinem Arm ist Légion étrangère tätowiert. Ob er wirklich in der Legion war, hab ich auch nicht gefragt, aber er ist für mich ist er der Inbegriff des zwergischen Street-Sams. Sein Lieblingssatz war ein grummeliges aber sehnsüchtiges “15 Jahre jünger und der Schwanz 15cm länger!” wenn wieder mal ein Teenagermädchen in Hotpants und Tanktop am Wüstelstand vorbeikam. Fritz hat mich bei der Beschreibung einger SCs und NSCs inspiriert!

Das Einzige, das irgendwie nicht ins Bild passte: vor dem Wüstelstand war seine Station das Neunteufl. Eine typische Wiener Konditorei, in der vor allem wohlhabende Witwen sich bei Kaffee und Torte zum vornehmen Tratsch treffen. Die Einrichtung ist in diesem zuckersüßen, rosa gehaltenen Punschkrapfen-Stil gehalten, der mindestens im selben Ausmaß wie die  Neunteufl-Torten, die gerne auch mal in Form eines Geldkoffers oder des Eiffelturms gebacken werden, für Karies verantwortlich gemacht werden kann. Der Fremdenlegionär und die Hofratswitwen im Puppenhaus? Passt nicht ganz. Aber bricht nicht jeder gute Rollenspielcharakter irgendwo mit seinem Klischee?

2. Das Attentat beim Bundesheer

Meinen Militärdienst, so man ihn denn überhaupt so nennen kann, habe ich beim Kommando Internationale Einsätze in Götzendorf abgeleistet. Meist bestand meine Aufgabe darin, die Überstunden jener, die am Vortag deutlich vor Dienstschluss das Büro verlassen haben zu notieren und den Kopierer zu reparieren, wenn er mal wieder nicht ging. Aber eines Tages durften wir bei einer Übung österreichischer und schweizer KFOR Soldaten als Statisten mitspielen. Wir waren die Sierraländer, also ganz sicher keine Serben, während eine andere Einheit die Koksland-Alphaländer darstellte, die keinesfalls irgendwie an Kosovo-Albaner erinnern. Wir empfingen den Präsidenten des sierraländischen Mutterlandes, während die Koksland-Alphaländer die Barrikade, die sie von uns fernhalten sollte, anzündeten. Plötzlich: ein Schuss – ein Attentatsversuch auf den nicht-serbischen Präsidenten, der natürlich sofort in Sicherheit gebracht werden musste.

Prima, dachte ich mir, mal sehen wie die Profis so eine Situation handeln und dann kann man das sicher in der nächsten Shadowrun-Session einbauen. Nun, die Profis hatten die Präsidentenlimousine mit ihren Pandur-Panzern dermaßen zugeparkt, dass sie erstmal eine halbe Minute rangieren mussten, damit unser Präsident in Sicherheit gebracht werden konnte. Inzwischen hätte der Attentäter genug Zeit gehabt, seinen Johnson anzurufen, bei ihm einen Raketenwerfer zu ordern, den Preis auf 40% der ursprünglichen Forderung herunterzuhandeln, diesen in einem Industriegebiet in Tacoma entgegen zu nehmen und dann damit, trotz seiner Sehschwäche und der zittrigen Hände, die noch immer stehende Präsidentenlimousine zu treffen. Zum Glück für den Präsidenten von Sierraland, dessen Hauptstadt nicht Belgrad heißt, hat der Attentäter bei seinem Connection-Roll wohl einen Patzer gewürfelt und den Raketenwerfer doch nicht bekommen.

3. Ein Run in Seattle

“You can run for a lifetime and never leave Seattle, but some say you can’t run for lifetime without entering.” So steht’s am Backcover von Seattle 2072. Also hab ich 2012 vor meinem USA Urlaub in einem Forum nach einer Seattler Runde gesucht, die mich als Gastspieler einlädt. Und prompt bekam ich diese Einladung von Juan, der ganz nebenbei auch noch aus Bogota stammt. Ich mein hey, Seattle UND Bogota? Geht’s noch ikonischer?

Stilecht haben wir uns an einer Tankstelle samt Stuffer Shack in West-Seattle, zwischen einem Park und Harbor Island getroffen, wo Juan mit seinem Auto wartete. Begrüßt hat er mich mit den Worten “Mr. Johnson told me to pick you up” und nach kurzem Kennenlernen gab es eine Stadtführung durch das Seattle der 2070er: Eingang zum Ork-Untergrund, Renraku Pyramide, Dante’s Inferno. Beim Überqueren von Mercer Island forderte er mich auf meine SIN bereit zu machen, denn die Salish Ranger wären da sehr happig. Und natürlich durfte auch ein Abstecher in die Redmond Barrens nicht fehlen, war aber gar nicht so schlimm, wie befürchtet.

Schließlich kamen wir in Issaquah an, wo unsere Session bei Niederösterreichischem Wein, Wiener Manner-Schnitten, Seattler Craft Beer und Redmonder Pizza statt fand. Ein wenig hatte ich ja die Befürchtung im Vorfeld, da an eine regellastige Hack & Slay Runde zu geraten, aber Juan, Christine und Drew waren super coole Typen und wir hatten einen sehr lustigen Abend. Und auch meine 9 Tage im Seattle des Jahres 2012, das außer der Space Needle kaum etwas mit dem Shadowrun-Seattle zu tun hat, waren spitze. Schließlich setzte ich mich in einen Zug, um in der Hauptstadt des Salish Shidhe Councils die USA zu verlassen und nach einem turbulenten Run in Kanada unterzutauchen. Aber in Vancouver fingen die Probleme erst richtig an…

Zoll/Einwanderungsbehörde und ich werden wohl keine guten Freunde mehr. Auf jeden Fall hatten sie sich mich ausgesucht, für eine thorough inspection, haben auch auf meinem Notebook herumgeschnüffelt, auf dem sich ein paar Shadowrun Missions PDFs befanden. Darunter das, wo man die Brooklyn Bridge in Manhattan sprengen muss, inklusive Skizze, wo man die Sprengladungen anzubringen hat. Zum Glück haben die Kanadier das nicht gefunden. Oder die Amis, bei meiner Ankunft am JFK Flughafen.

 

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