Wann hat dein Charakter eigentlich Geburtstag?

Aufgefallen ist es mir in unserer aktuellen Achtung Cthulhu! Kampagne. Wir schreiben das Jahr 1939. Am 1. September wird das Dritte Reich Polen überfallen und damit den Zweiten Weltkrieg auslösen. Solche und ähnliche Daten sind wichtig für die Kampagne. Kann ein Dissident noch in die Niederlande in Sicherheit gebracht werden, oder sind sie schon von Nazi-Deutschland besetzt? Damit ist in dieser Kampagne das aktuelle Datum nicht nur relevanter, sondern auch präsenter. Die Unterzeichnung des Molotov-Ribbentrop Pakts, die Feierlichkeiten zu Führers Geburtstag, die Einverleibung der Tschechoslowakei sind zumindest die Hintergrundmusik der einzelnen Abenteuer. Was bis jetzt aber noch nicht passiert ist: Noch keiner der Charaktere hat bisher seinen Geburtstag gefeiert.

In Charakterhintergrundgeschichten steht öfter mal ein exaktes Geburtsdatum. Aber meist ist hier nur das Jahr wirklich relevant. Für die Hintergrundgeschichte ist es notwendig, dass der Charakter 1898 geboren ist, damit er sich 1914 als 16-jähriger unter Angabe eines falschen Alters zum Militärdienst freiwillig gemeldet haben kann. Tag und Monat sind dabei meist zufällig oder ohne langes Nachdenken bestimmt. Dabei hat auch der genaue Tag irrsinnig viel Potenzial.

Henne und Ei: was kommt zuerst?

Bei der Charaktererschaffung gibt es grob zwei Ansätze: erdenke ich mir zuerst einen Charakter und bastle um den herum eine Hintergrundgeschichte oder überlege ich mir zuerst einen Hintergrund und erstelle dann darauf basierend den Charakter. Oder man erzeugt ein Wechselspiel zwischen Werten und Charaktereigenschaften und der Geschichte. Und genau diesen Ansatz kann man auch im Zusammenhang mit dem Geburtstag anwenden. Ich kann mit dem Geburtsdatum etwas über meinen zuvor erdachten Charakter aussagen und ich kann aus dem Geburtsdatum zusätzliche Details über den Charakter ableiten.

Was sagt denn aber nun der Geburtstag aus? Wir können dem Tag in unterschiedlichen Aspekten Bedeutung zukommen lassen. Hier ein paar Ideen:

Jahreszeit und Klima

Welche Welt hat denn der frisch geborene Charakter betreten? War das im Februar, als es eisig kalt und die Vorräte schon knapp waren? Oder war das im warmen September, die Ernte war schon eingeholt und die gut gelaunten Dorfbewohner hatten ein paar Wochen Zeit für Feste, bis es mit den Wintervorbereitungen los ging? Sehen wir und die Kindheit von Rungor – geboren im Februar – und seiner Schwester Alrike – geboren im September – an, und was das für Auswirkungen auf deren Charakter hat.

Als Rungor auf die Welt kam, war es kalt und die meiste Zeit dunkel. Er war die meiste Zeit in warme Decken gehüllt und er bekam mit, dass die anderen Menschen in seiner Kate vom Winter schon ausgezehrt waren. Später als Heranwachsender musste er zum Überleben der Familie beitragen und da er ein begabter Angler war, ging er im Winter jeden Tag auf den zugefrorenen See zum Eisangeln. Anfangs mit seinem Vater, später alleine. Auch an seinem Geburtstag. Er genoss es, wenigstens für ein paar Stunden aus der Enge des Hauses rauszukommen und alleine zu sein. Am Abend wurde ihm natürlich gratuliert, aber es gab weder einen Festbraten noch einen Kuchen. Man wusste ja nicht, wie lange der Winter noch dauern würde und musste mit den Vorräten haushalten.

Heute geht Rungor immer noch gerne Angeln. Wenn ihn seine Reisegefährten mal wieder nerven, schnappt er sich seine Angel und zieht sich für ein paar Stunden zurück. Manchmal begleitet ihn auch der weise Magier aus seiner Gruppe. Dann wird der Flachmann geteilt und Rungor bittet den älteren Mann, der ihn an seinen Vater erinnert, um Rat. Ob er der Tochter des Barons einen Heiratsantrag machen soll, oder ob er das Angebot des Barons, Ritter in dessen Haushalt zu werden, annehmen soll. Meist sitzt er aber allein am Rand des Sees. Auch im Winter. Er hat eine kalte Welt kennengelernt und er ist Kält gewohnt. Allgemein ist er nicht so der Gesellschaftsmensch, er ist eher introvertiert. Seinen Geburtstag feiert er nicht. Klar, seine Reisegefährten geben ihm eine Runde Bier in der Taverne aus und gratulieren ihm, aber wirklich wichtig ist ihm das nicht.

Ganz anders seine Schwester Alrike:

Die Welt die sie betrat war eine fröhliche: Es war die Zeit, als man Äpfel von den Bäumen pflücken konnte so viel man wollte. Es wurde gesungen, getanzt und gelacht. Deshalb ist Alrike auch eine Frohnatur. An ihren Geburtstagen gab es keinen Überlebenskampf und auch sonst war nicht viel zu tun. Es war also genug Zeit, um ein kleines Fest für sie vorzubereiten. Da es genug zu Essen gab, wurde für sie jedes Jahr ein Picknick abgehalten, zu dem sie die anderen Kinder des Dorfes einladen durfte. Es gab stets einen leckeren Obstkuchen und es wurden lustige Spiele gespielt. Der Geburtstag war für Alrike immer ein ganz besonderer Tag.

Deshalb ist Alrike auch heute noch ihr Geburtstag wichtig. Die Tradition von Obstkuchen und Picknick wird fortgesetzt. Schon Wochen vorher beginnt sie den Tag zu planen. Wie sie in den Orklanden an Kirschen für den Kuchen ran kommt, ob das Wetter denn für ein Picknick halten wird und wen sie zu diesem Picknick einladen möchte, wenn der Geburtstag doch nicht im Orkgebiet stattfinden wird. Für sie wäre es eine Katastrophe, würde es an dem Tag regnen oder würden ihre Gefährten auf den Feiertag vergessen. Oder wenn sie gar, die Götter mögen es verhindern, den Tag alleine verbringen müsste!

Götter, Heilige und Sternzeichen

Auch wenn wir vielleicht nichts von Astrologie und Horoskopen halten: jeder von uns kennt sein Sternzeichen. Und vermutlich auch ein paar Eigenschaften, die diesem Sternzeichen zugeordnet werden. Steinböcke sind stur, Löwen stolz und Krebse sensibel. Das kann man doch schon für den eigenen Charakter nutzen. Ist die Hackerin leidenschaftlich und rachsüchtig, könnte man den Geburtstag in die Periode des Skorpions legen, der harmoniebedürftige und verträumte Archäologe hingegen im Zeichen des Fisches.

Neben den Sternzeichen gibt es noch die Heiligen, von denen an so gut wie jedem Tag im Jahr mindestens einer verehrt wird. Personen, die den Namen dieses Heiligen tragen, feiern an diesem Tag Namenstag. Das ist dann auch ein weiterer Feiertag, den ein Charakter begehen könnte. Aber auch als Geburtstag erzählt der Patron etwas über den Charakter. Ist der Musketier am 11. November geboren, dem Tag der Grablegung des Heiligen Martins, könnte das etwas über die Wohltätigkeit des Charakters aussagen. So wie Martin von Tours seine Mantel mit einem Bettler geteilt hat, so könnte der zu St. Martin geborene Charakter jederzeit bereit sein, zu teilen und zu helfen.

Im Fantasygenre sind die Sternzeichen oft durch das göttliche Pantheon ersetzt. Jeder Monat ist einem Gott gewidmet und Kindern, die im Monat eines bestimmten Gottes geboren sind, sagt man Wesenszüge oder Talente dieser Gottheit nach. In der frühen Editionen von DSA (keine Ahnung ob es das in der 5. Edition noch gibt) gab es sogar Boni dafür. Im Monat Praios Geborene waren besonders mutig, während Efferd-Kinder begabte Schwimmer sind. Allerdings würde ich von solchen Regelkonstrukten abraten. In meiner DSA Erfahrung waren immer auffällig viele Krieger im Monat Rondra (+1 auf Schwertkampf geboren) und die Elfen im Firun (+1 Schusswaffen) geboren, während es kaum Travia-Geborene (+1 auf Heilkunde Seele und Kochen) gab.

Ich würde von so einem Regelkonstrukt abraten. Das sorgt nur für eindimensionale Charaktere. Klar, wird der Spieler eine Geburt im Rondra wählen (oder solange würfeln, bis es Rondra wird), wenn er einen Schwert und Schild Ritter spielt. Gibt es keine Boni für den Geburtsmonat, fällt die Versuchung der Charakteroptimierung weg und es fällt dem Spieler leichter, einen vom Kernkonzept abweichenden Geburtsmonat zu wählen oder zu akzeptieren. Und so sind beide Krieger der Gruppe ausgezeichnete Schwertkämpfer, aber der eine ist im Firun geboren und hat den Ruf, nicht nur im Turnier und in der Schlacht eine gute Figur zu machen, sondern auch auf der Jagd. Der zweite Krieger ist im Travia geboren und für seine Gastfreundschaft und seinen süchtig machenden Hammelbraten berühmt.

Ich bin am gleichen Tag wie Napoleon geboren!

An jedem Tag jährt sich irgend ein Ereignis. Die Niederlage bei Waterloo, die Geburt von Albert Einstein oder die Mondlandung von Apollo 11. Auch diese Ereignisse können dem Geburtstag des Charakters Bedeutung geben. Ist an diesem Tag eine berühmte Person geboren oder gestorben, könnte sich der Charakter als geistiger Nachfolger dieser Person sehen. Ein Geburtstag am Jahrestag der verlorenen Schlacht unterstreicht noch das Verlangen des Charakters, diese Scharte seines Landes oder Reiches auszumerzen.

Geburtstag: unbekannt

Nicht jeder kennt seinen Geburtstag. Eines der bekanntesten Beispiele dafür ist der ehemalige FDP Vorsitzende Philipp Rösler. Er wurde kurz nach seiner Geburt in einem Waisenhaus abgegeben. Von Amtswegen wurde ihm ein Geburtsdatum zugewiesen, welches nun in seinen Dokumenten steht. Wer aber in weniger bürokratischen Systemen aufwächst, hat nicht mal ein amtliches Geburtsdatum. So eine Konstellation kann auch als Vorbild für den eigenen Charakter gewählt werden und erzählt eine Geschichte. Zum Beispiel, wie entwurzelt der Charakter ist, oder in welch zerrütteten Verhältnissen er aufgewachsen ist.

So ein Charakter kann sich vielleicht einen Tag ausgewählt haben, an dem er seinen Geburtstag feiert. Gerade in so einem Fall sollte dem Geburtstag eine Bedeutung zugedacht werden. Dass jemand am gleichen Tag wie Elvis Presley geboren ist, mag Zufall sein, aber jemand der sich diesen Tag als seinen persönlichen Feiertag aussucht, der will damit etwas kommunizieren.

Let’s have a party!

Jetzt, da wir wissen, wann der Charakter Geburtstag hat, können wir uns Gedanken machen, wie er diesen Tag begeht. Schmeißt er eine große Party zu der alle Verwandten, Freunde und Bekannten eingeladen werden oder lädt er nur seine engsten Freunde zu sich nach Hause und bekocht sie? Wie wurde sein Geburtstag in seiner Kindheit begangen? Haben sich einzelne Rituale dieser Kinderparties auch in seinen erwachsenen Geburtstagsfeiern etabliert? Gibt es immer noch eine Pinata für ihn, nur eben mit Explosiv-Munition statt Süßigkeiten gefüllt? Und ganz wichtig, wenn der Charakter nicht aus dem modernen Mitteleuropa stammt: wie wird allgemein Geburtstag in der Kultur des Charakters gefeiert?

So eine Geburtstagsparty kann auch sehr viel Plot liefern. Zum Beispiel als zusätzlicher Zeitdruck. Der Champagner ist gekühlt, die Freunde sind für Punkt 19:00 bestellt und die Torte in Form des Raumschiffs des Geburtstagskindes ist fertig. Jetzt muss nur noch dieser kurzfristig reingekommene Entführungs-Auftrag rechtzeitig erledigt sein, damit die Überraschungsparty wie geplant über die Bühne gehen kann. Oder die Charaktere überlegen, wie sie in den Bergen Afghanistans, auf der Flucht vor Taliban-Milizen dem Charakter, dem seine Geburtstagsparty immer sehr wichtig war, ein angemessenes Fest bereiten können.

NSCs können von der Party erfahren und angepisst reagieren, weil sie nicht eingeladen waren, die Stripperin kann ihre Show nicht beginnen, weil ihr Ex-Freund auf der Party auftaucht und Stunk macht und der Erzfeind des Charakters schickt eine Paketbombe oder vergifteten Wein. Oder die Abenteurer hauen in Las Vegas mal so richtig auf den Putz und wachen mit Erinnerungslücken und einem Tiger im Badezimmer auf. Ich denke der Film Hangover kann eine tolle Vorlage für ein eigenes, humorvolles Geburtstagsabenteuer sein.

Geschenke! Geschenke! Geschenke!

Natürlich gehören zu einer Geburtstagsfeier auch Geschenke. Also müssen die Spieler überlegen, was ihre Charaktere dem Geburtstagskind schenken. Und das kann für den Spieler des Geburtstagskindes Feedback sein, wie die Mitspieler den Charakter wahrnehmen. Oder die Gruppe will dem Geburtstagskind etwas ganz besonderes schenken. Einen Rembrandt vielleicht oder ein Hattori Hanzo Katana. Also muss das Geschenk erstmal besorgt werden. Ideal für die Session, in der einer der Spieler mal nicht da ist!

Und auch NSCs können sich mit Geschenken einfinden. Und damit etwas über ihre Beziehung zu dem Charakter ausdrücken oder eine Entwicklung dieser Beziehung anstoßen: die Söldnerin Talon hat einen Kumpel, mit dem sie öfter eine Sportbar aufsucht, um sich ein Urban Brawl Spiel anzusehen. Talon findet den Typen süß, weiß aber nicht, wie er fühlt. Der nächste Geburtstag ist ideal, um da einen Hinweis zu geben: schenkt er Talon eine Einladung zum romantischen Candlelight Dinner oder doch nur Karten für das nächste Spiel der Miami Spears?

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