Warum Stats für Rassen unnötig sind

Je nach benutztem Regelwerk sind Elfen überdurchschnittlich schön, intelligent oder geschickt. Orks sind fast immer sehr stark, dafür hässlich und doof. Was heißt dies aber für die Erschaffung eines Pen & Paper Charakters? Nun, dass manche Rassen für manche Charakterkonzepte besser sind als andere, während sie für andere Konzepte nur suboptimal sind. Ich finde, dass die Rasse einer der größten Einflussfaktoren auf die rollenspielerische Gestaltung eines Charakters ist und ich finde es immer sehr schade, wenn ich für ein von der Norm abweichendes Konzept und einen interessanten Charakter durch schlechte Stats bestraft werde.

Verschiedene Fantasy-Rassen (Foto: Paizo, gezeigt werden die neuen Pathfinder Minimates)
Verschiedene Fantasy-Rassen (Foto: Paizo, gezeigt werden die neuen Pathfinder Minimates http://paizo.com/products/btpy9797?Pathfinder-Minimates-Series-1)

Ein Beispiel: die Rasse Elf in Pathfinder

Sehen wir uns mal an, welche Rassenmodifikationen der Elf in Pathfinder erhält:

+2 auf Intelligenz und Geschicklichkeit, -2 auf Konstitution. Dazu Immunität gegen Schlafzauber, Dämmersicht und weitere Boni im Umgang mit Zaubern.

Damit ist der Elf die ideale Rasse für den Wizard oder andere Arkanzauberer. Einen Bonus auf das wichtigste Attribut dieser Klasse und ein Bonus auf die Geschicklichkeit, die bestimmt, wie schwer ein Charakter im Kampf zu treffen ist. Und da der Elf einen Abzug seine Konstitution, und damit auf seine Lebenspunkte bekommt und Zauberer mit dem W6 als Hitdie auskommen müssen, ist nicht getroffen werden immer gut. Die meisten werden aber, wenn sie an Magier denken wohl eher Gandalf als Legolas vor ihrem geistigen Auge haben, und auch wenn der Mensch als Rasse für einen Wizard immer noch eine gute Wahl ist, verschenke ich wertvolle Boni auf meine Würfe um magische Gegenstände zu identifizieren oder die Zauberresistenz des Gegners zu überwinden.

Anders sieht es aus, wenn ich mir einen Elfen Barbar basteln möchte: dann erhalte ich einen Bonus auf mein Dump-Stat (Intelligenz), verliere dank Abzug auf Konstitution eine Runde, in der ich ragen könnte und kriege keinen Bonus auf mein wichtigstes Attribut, die Stärke. Jetzt mögen zum Beispiel DSA-Spieler einwerfen, dass Elfen Barbaren ohnehin nicht plausibel sind, ein Warhammer-Spieler könnte aber auf die Idee kommen, einen Wardancer als Elfen Barbar nachzubauen. Kann er natürlich machen, aber der Char ist weit entfernt davon, optimiert zu sein. Aber auch andere Zaubererklassen, wie der Barde oder der Druide, die meiner Meinung nach sehr gut zum Elfen passen würden, sind keine optimale Wahl für den Elfen: auch für diese beiden Klassen ist Intelligenz ein Dumpstat und zum Zaubern benötigen sie Charisma oder Weisheit, auf das es nun mal keinen Bonus gibt.

Unschöne Nebeneffekte

Jetzt gibt es vor allem im deutschsprachigen Raum eine gewisse Allergie gegen das Powergaming, aber ich sehe darin nichts böses. Stark gamistische Systeme wie Pathfinder sind sogar dafür ausgelegt, sich möglichst effiziente Kombos zusammenzubauen. Wo ich aber Kopfschmerzen bekomme, ist wenn das Ergebnis des Min-Maxens ein Charakter mit lächerlichem Hintergrund ist. Leser von DSA Foren kennen sicherlich den Trollzacker Ferkina Gladiator, der zu Recht als besonders misslungenes Beispiel für die Nebenwirkungen von Powergaming in DSA gilt.

Aber auch die Charaktermotivation kann darunter leiden. Bleiben wir bei DSA: viele DSA Abenteuer gehen von einer gewissen Loyalität zum Mittelreich und dessen Herrscherhaus aus. Nur ist der Mittelreicher jene Rasse, die zwar keine Mali aber eben auch keine Boni bekommt und damit ein wenig attraktives Paket für Min-Maxer ist. Stattdessen besteht die Party aus Halbelfen nivesischer Abstammung, Thorwalern und Mohas. Aber eben nicht aus Mittelreichern.

Ebenfalls schade finde ich es, wenn ich eine Rasse spielen will, die in der Party als Exot gilt. Zum Beispiel eben einen Elfenkrieger in Pathfinder. Der ist aber kein Exot mehr, wenn der Magier und die Hexe ebenfalls Elfen sind. Ich hätte ja kein Problem damit, wenn der Grund dafür der ist, dass die Spieler dieser Charaktere eben auch Elfen darstellen wollen, aber meist liegt der Grund dann doch bei den Rassenboni.

Die Lösung: weg mit den Rassen-Stats!

Beim Mensch hält es Pathfinder so: du erhältst einen +2 Bonus auf ein beliebiges Atribut. Also auf Stärke für deinen Krieger oder auf Intelligenz für den Magier. Nicht umsonst ist die Rasse Mensch für kaum einen Build in Pathfinder nicht geeignet. Warum handhabt man es nicht einfach für alle Rassen so? Muss jeder Zwerg weise und zäh aber leider etwas unsympathisch sein? Wenn ich die Attribute meines Charakters selbst vergeben kann (vom Auswürfeln halte ich nicht sehr viel, obwohl interessante Charaktere dabei rauskommen können), kann ich mir einen typischen Elfen durch entsprechende Werte darstellen, oder ich entscheide mich ganz bewusst dafür, einen Elfen zu spielen, der eben nicht der Norm entspricht, zum Beispiel eben einen starken Nahkämpfer.

In DSA 4 ist der (Halb)Elf für Magier ebenfalls attraktiv, weil er seine Zauberfähigkeit verbilligt in seinem Rassenpaket erhält und daher auch seine Profession Magier verbilligt bekommt. Wäre es aber nicht mal interessant, in einer Welt, in der alle Elfen zaubern können, einen Elfen zu spielen, der dies nicht kann? Das bietet so viel rollenspielerisches Potenzial und vielleicht auch einen Grund dafür, dass der Elf mit einem Haufen Abenteurer herumzieht, anstatt in der Vertrautheit seines Waldes zu bleiben. Unter seinen Gefährten wird er für seinen starken Schwertarm geachtet, während er zu Hause als zurück geblieben oder gar verflucht gilt, weil er nicht mal einen einfachen Bannbaladin hinkriegt. Daher: weg mit dem Halb- und Viertelzauberer für Elfen. Weg mit wählbaren Rassentemplates mit festgelegten Rassenboni. In einem Kaufsystem wie DSA 4 ist dies nicht notwendig, denn wer zaubern will, wird sich seine Magiebegabung kaufen und wer darauf verzichten will, gibt die Punkte eben woanders aus.

Sind Rassen-Boni immer unnötig?

Nein. In einer Spielwelt in der ich vom Kobold bis zum Drachen alles spielen kann, macht es schon Sinn, diese sehr unterschiedlichen Wesen auch unterschiedlich zu behandeln. Aber in sehr vielen Settings unterscheiden sich die spielbaren Klassen nur unwesentlich vom Menschen. Elfen sind halt auch nur Menschen mit spitzen Ohren dafür ohne Bart und Orks sind im Prinzip das lebendige Klischee eines Bodybuilders: muskulös aber leider etwas hohl in der Birne. Wenn sich das spielbare Spektrum der Rassen daher von Goblin bis Ork erstreckt, sehe ich keinen Grund dafür, die Rassen mit unterschiedlichen Startwerten zu versehen. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass die Rasse an sich, nicht nur das Regelkonstrukt Rasse entbehrlich ist. Aber zu diesem Thema werde ich mir in einem späteren Artikel Gedanken machen.

Ein anderes Argument für Rassenmodifikatoren ist das Tüfteln am eigenen Charakter. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass manche Spieler eben gerne an ihrem Charakter herumbasteln, um das Optimum herauszuholen und da ist die Rasse dann eben ein zusätzliches Stellrad, an dem gedreht werden kann. Ich mache das selber ganz gerne, aber meist nur als Trockenübung. Wenn ich einen Charakter baue, der auch zum Einsatz kommen soll, dann ist mir ein spannendes Konzept wichtiger, als das Herumexperimentieren. Natürlich soll mein Charakter kompetent und überlebensfähig sein, aber eben auch eine spannende Figur. Ein CHARAKTER eben.

 

Wie seht Ihr denn das Thema so? Welche Skurrilitäten durch Min-Maxing habt ihr schon erlebt? Könnt ihr auf das Regelkonstrukt Rasse verzichten? Oder gehört das für euch einfach dazu? Ich freu mich auf Kommentare und eine spannende Diskussion.

2 thoughts on “Warum Stats für Rassen unnötig sind

  1. Hi,

    ich kann dir im Grunde voll zustimmen. Alle die Phänomen, die du beschrieben hast, kenne ich auch. Gerade die Paketboni bei DSA haben Zwerge und Throwaler wohl zu sehr beliebten “Kämpferrassen” gemacht.

    Wenn man aber nun freie Attributsboni hat, wie du vorgeschlagen hast, dann kann man halt auch einen ein bisschen schwächeren Zwerg spielen kann, der aber aufgrund seiner physische Schwäche (verglichen mit anderen Zwergen) sich aber dadurch zu einem guten Diplomaten entwickelt hat. Gut fände ich in diesem Sinne, wenn das Regelwerk vielleicht so etwas wie eine archetypische Verteilung angibt (Zwerg +2 Konstitution). Dann kann man sich bewusst dagegen entscheiden. Gäbe es gar keinen Archetyp, dann kann man auch keine Besonderheiten einbauen.

    Schwieriger finde ich es, wenn bestimmte Sachen nicht durch Werte, sondern nur durch Sonderfertigkeiten abgebildet werden können. Eine amphibische Rasse bräuchte bspw. keine Werteboni, hätte als Sonderfertigkeit aber immer “Atmen unter Wasser”. Aber welche SF würde man dafür einem Menschen geben?

    Schöne Grüße
    John Doe

  2. Unverbindliche Archetypen finde ich auch gut. Splittermond gibt ja beispielhafte Fertigkeitsverteilungen für einen typischen Vertreter einer Region an, aber man muss diese nicht nehmen oder kann sie nach Belieben verteilen.

    Die Sache mit Unterwasseratmung ist tatsächlich schwieriger. Man könnte es aber einfach als Vorteil umsetzen. Und wer ein Amphibienwesen nimmt, sollte es kaufen. Aber auch Menschen können es nehmen, flufftechnisch wärs dann eine magische Begabung oder eine Mutation. Und wenn es der Spieler der Amphibienrasse nicht nimmt, kann man das auch mit einem Fluch oder ähnlichem erklären.

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